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Die Welt der Dinge: Interview mit Veronika Schröter zum Messie-Syndrom

Wenn wir das Wort „Messie“ hören, assoziieren wir damit sofort bestimmte Verhaltensweisen und Bilder: Chaos, Vermüllung, Desorganisation und das übertriebene Sammeln von Gegenständen. Schätzungsweise leben fast 2 Millionen Menschen in Deutschland, die oftmals anonym bleiben wollen, weil Scham und Ängste überwiegen. Es ist also wichtig, dieses Thema aus der Tabu-Zone zu holen und einen Blick hinter das Phänomen zu werfen. Dazu habe ich Veronika Schröter vom Messie-Kompetenzzentrum in Stuttgart interviewt:

Was ist eigentlich ein Messie?

Der Begriff kommt aus dem Englischen „what a mess“ („was für ein Chaos“). Das Messie-Syndrom kann sich durch die Welt der Dinge ausdrücken, die sich entweder in der Höhe, Breite oder Tiefe ausstreckt (z.B. das Sammeln von Dingen in Schränken). Das Hauptthema dahinter ist, dass die Ansammlung von Dingen für betroffene Menschen auf einer ganz existenziellen Ebene bedeutsam geworden ist. Wir würden mindestens dreiviertel dieser Gegenstände sofort entsorgen, weil es für uns logisch und selbstverständlich wäre. Für betroffene Menschen sind diese Dinge sowas wie eine Schutzhülle, ein Beziehungs-Stellvertreter, der die eigene Existenz bezeugt. Menschen mit Messie-Syndrom wirken im Außen oftmals sehr erfolgreich und stark, sobald sie aber Zuhause sind fühlen sie sich energielos. Sie können sich nicht im klassischen Sinne beheimaten und ein Nest bauen.

 

Dinge als Ersatz für Geborgenheit

Die Dinge links und rechts dienen lediglich als Halt und Geborgenheit. Das Anhäufen kann aber auch ein Statussymbol sein, beispielsweise das Sammeln von Zeitungen und Büchern – damit sich der Betroffene gebildet fühlt. Leider wird in den Medien suggeriert, dass das Messie-Syndrom lediglich die Unterschicht der Gesellschaft betrifft. Dem muss ich vehement widersprechen. In Wirklichkeit betrifft es die Mittel- und die Oberschicht. Ich behandle zum Beispiel Ärzte, Wissenschaftler, Top-Manager und sogar Psychiater. In der äußerlichen Funktionsebene sind sie wahnsinnig gut. Dies ist auch eine Überlebensstrategie, um Anerkennung zu bekommen. Zuhause spüren sie eine tiefe Leere und Verlorenheit – und benötigen deswegen den Schutz von Gegenständen.

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Bücher als Stellvertreter für Bildung – viele Messies sammeln sie im Übermaß


Wie wird man überhaupt zum Messie?

Es gibt vier Ursachen, die sich bei meinen Patienten wie ein roter Faden durchziehen.

  1. Das frühe Gezwungenwordensein

Menschen, die in einem Elternhaus groß geworden sind, in dem sie sich extrem anpassen mussten, d.h. keine Entwicklungsmöglichkeit der eigenen Identität, Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse, ausgeprägte, elterliche Diktatur und Autorität, z.T. mit psychischer und körperlicher Gewalt

  1. Kinder, die emotional im Stich gelassen wurden

Wenn die Eltern keine Geborgenheit geschenkt haben, in schwierigen Situationen nicht da waren, um beizustehen oder um zu trösten (z.B. wenn Kinder ins Krankenhaus müssen und die Eltern nicht zu Besuch kommen)

  1. Überbehütung

Wenn Eltern die Kinder von allen Aufgaben abschotten, um sie zu schützen oder, weil die Eltern meinen, es besser zu können – sei es von Erlebnissen, Erfahrungen oder alltäglichen Dingen wie Haushalt führen oder Kindererziehung

  1. Verlust im frühkindlichen Alter

Beispielsweise das Sterben von vielen Bezugspersonen im Kindesalter (Eltern, Geschwister), oftmals verbunden mit fehlender Trauerarbeit.

 

Das Messi-Syndrom kann aufgrund von Triggerpunkten erst jahrelang später ausbrechen – und die Ansammlung von Dingen beginnt.

 

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Das Messie-Syndrom lässt sich oft auf vier verschiedene Hauptursachen zurückführen


Können betroffene Menschen überhaupt Besuch empfangen?

Viele Betroffene laden niemanden mehr zu sich ein. Sie treffen sich draußen, begegnen Freunden und Bekannten bei kulturellen Veranstaltungen oder im Restaurant, lassen sich in andere Wohnungen einladen, aber finden immer eine Möglichkeit und eine Ausrede, nie selbst Gastgeber sein zu müssen. Eigentlich sind es sehr lebendige Menschen, die sich aber von ihrer eigenen Lebendigkeit abgeschnitten haben. Der Wunsch und der Hunger nach Begegnung ist riesengroß – sie würden liebend gerne Besuch empfangen, aber die Scham überwiegt. In meiner therapeutischen Arbeit mit Patienten versuche ich mit ihnen zusammen, die Wohnung Schritt für Schritt zurück zu erobern – und wenn es erstmal nur ein Raum ist. Aber das öffnet schon eine kleine Möglichkeit, endlich wieder Menschen einladen zu können.

 

Wie behandelt man Patienten mit Messie-Syndrom?

Es geht nicht darum, die Wohnung wieder auf Vordermann zu kriegen, mit Mülltüten vorbeizukommen, Dinge zu entsorgen und mal durchzuwischen. Wenn sie das tun, werden sie eine noch größere Angst und Unruhe bei Patienten beobachten. Die klassische Kategorisierung, ob ein Gegenstand wichtig oder unwichtig ist oder ob er schön oder unschön ist gibt es bei Menschen mit Messie-Syndrom nicht. Sie können sich nicht entscheiden, weil der Wille sich zu entscheiden aufgrund ihrer Biografie nicht ausgeprägt wurde. Es geht darum zu erforschen, wo die Ursachen des einzelnen liegen. Ist die Wurzel frei gegraben wird sich das Aufräumen der Wohnung von ganz alleine ergeben.

 

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Mit einer Entrümpelung allein ist es beim Messie-Syndrom nicht getan: es muss eine therapeutische Hilfe geboten werden

 

Wichtig ist, die Geschwindigkeit rauszunehmen und nicht mit dem Vorschlaghammer daher zu kommen. Die eigene Würde und der Wille des Betroffenen muss wieder Einzug nehmen – Stück für Stück. Und wenn es erstmal das Freiräumen des Küchentisches ist, damit die Tasse Kaffe wieder dort abgestellt werden kann. Der Prozess des Zurückeroberns verdient Zeit und Ruhe und einen tiefen Einblick in die Psyche. Wichtig ist, den Betroffenen nicht unter Druck zu setzen, sondern im Anerkennung zu schenken. Schließlich hat er es bis jetzt geschafft, mit seinen tiefen, frühkindlichen Verletzungen umzugehen – zwar auf einer ungesunden Art und Weise, aber er hat es geschafft.

 

Wie können Angehörige helfen?

Ich muss es leider so direkt sagen, aber Angehörige sind die schlechtesten Ratgeber für Menschen mit Messie-Syndrom. Viele haben natürlich das Bedürfnis, sofort helfen zu wollen, aber der Betroffene wird es partout nicht annehmen können – weil er es nicht ertragen kann, dass man sich über ihn stellt. Angehörige brauchen selbst ganz viel Unterstützung in Form einer Beratung. Gerade wenn es darum geht, Dinge zu klären (z.B. Nachbarn / Vermieter beschweren sich). Viele Angehörige fühlen sich auch schuldig, weil sie eben nicht direkt helfen können. Ich kann nur jedem Angehörigen empfehlen, das Verhalten des Betroffenen ernst zu nehmen, denn er ist nicht faul oder zu bequem oder ein „Schmuddel“ – dieser Mensch ist schlicht und ergreifend krank. Das bedarf einer sehr guten und therapeutischen Unterstützung. Aber selbst wenn ein Betroffener mit Messie-Syndrom keine Hilfe annehmen möchte, muss man es akzeptieren und seinlassen.

 

Ist das Messie-Syndrom eine anerkannte Krankheit?

Leider wird es bisher unter Titeln wie “Verwahrlosungssyndrom” oder “Vermüllungssyndrom” oder “sonstige, psychische Störung” behandelt. Oftmals dachte man auch, dass es eine Suchterkrankung oder Zwangsstörung ist – Sucht kann es sein, muss es aber nicht. Die Hälfte meiner Patienten haben als Grundlage eine psychische Erkrankung – oftmals eine Depression – die andere Hälfte kommen aber ohne psychische Beeinträchtigungen. Insofern ist das Messie-Sein ein eigenständiges Krankheitsbild, das verschiedene Ausprägungen und Ursachen haben kann. Zusammen mit der Uniklinik Freiburg habe ich darum gekämpft, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Messie-Syndrom in ihrem ICD 10-Katalog mit aufnimmt. Im Jahr 2022 ist es endlich soweit. Es wird dann unter dem Begriff „Pathologisches Horten“ anerkannt.

Hier findest du das gesamte Interview mit Veronika Schröter:

 

 

Das Messie-Kompetenzzentrum in Stuttgart erreichst du hier.

Herzliche Grüße, dein Dirk

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