Human Trust
Kategorien Anzeigen

Erfolg Body Arbeit Beziehungen Deine Welt Glück Seele Podcasts humantrust @Redaktion

Gassigehen mit dem Schweinehund

Wie du deinen Schweinehund liebevoll in dein Leben integrierst und für deine Lösung nutzt.

Ich erinnere mich noch gut: Es war 2013, als eine junge, blonde Frau Facebook eroberte. Zu dieser Zeit hatte auch ich gerade Facebook erobert. Aber nur so für mich. Ich hatte gelernt, mein Profil zu gestalten, Postings über das Wetter, mein Mittagessen oder bewegende Themen abzusetzen.  Und ich hatte gelernt, Videos, Texte und Fotos meiner Facebook-Freunde zu teilen, anzuschauen und zu kommentieren.

Dieses digitale Stöbern kann mich bis heute lange und begeistert vor den Computer fesseln. Es war solch ein Moment, als ich mich gerade wieder durch meine Startseite in das nicht endende Unten scrollte, in dem mir Julia Engelmann begegnete. Nicht einmal, nicht zweimal – etliche Male sah ich ihr Gesicht. Scheinbar hatte jeder Zweite aus meiner Freundesliste die Studentin vor mir entdeckt. Es war immer dasselbe Video, das sie teilten.

Anpreisungen wie „das müsst ihr euch anschauen“,  „wie recht sie hat“ oder „sie spricht mir aus der Seele“ machten mich neugierig, und ich klickte auf Play. Das Video war der Mitschnitt des Bielefelder Hörsaal-Slams. Bei einem Poetry Slam treten Poeten auf und tragen selbstgeschriebene Texte vor. Mal sind sie traurig, mal lustig, mal nachdenklich und beim Hörsaal-Slam werden sie, wie der Name schon sagt, im Hörsaal vorgetragen.

Der Text von Julia Engelmann war einer der nachdenklichen Sorte. In Anlehnung an den damals populären „Reckoning Song“ sprach sie über all die Momente, die wir in unserem Leben verstreichen lassen. Die vielen Dinge, die wir vorhaben und dann doch nicht tun. Und sie sprach davon, wie wir irgendwann alt sein werden und nicht von dem erzählen, was wir erlebt haben, sondern von dem, was wir beinahe erlebt hätten. Geschichten voller Konjunktive.

So wird die Wunschliste nach dem Jahreswechsel immer länger

Mittlerweile wurde das Video über zehn Millionen Mal angeklickt. Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, denn ich habe nicht nur vor dreieinhalb Jahren mehrmals auf Play geklickt, sondern auch danach immer wieder. Besonders gerne denke ich in ruhigen Stunden an die Worte von Julia Engelmann. Dann, wenn wir zur Ruhe gekommen sind, uns aufs Wesentliche konzentriert haben, vor dem Neuen stehen. Denn dann blicken wir auch zurück. Wir sind zwar noch nicht unbedingt alt, aber trotzdem häufen sich die Geschichten von alle dem, was wir beinahe erlebt hätten, oder was wir gerne getan hätten, und so wird die Wunschliste  immer länger und länger.

Es gibt einen Grund, warum ich diese Worte nicht schon an Weihnachten formuliert habe. Ich wollte fernab dieser hoffnungsschwangeren, von Zimtduft verklärten Besinnlichkeit einen freien Blick auf dieses Thema werfen. Haben wir im Januar noch Mitgliedschaften im Fitness-Studio abgeschlossen, uns fest vorgenommen, endlich alte Freunde wiederzutreffen oder häufiger an die frische Luft zu gehen… so liegt der letzte Studiobesuch oder der lange Waldspaziergang schon wieder viele Tage zurück, wenn erst mal Februar ist.

Die vielen Konjunktive, die uns davon abhalten einfach zu leben

Ich selbst habe Jahre des Wartens verbracht. Habe berufliche Träume geträumt und in der Vorstellung eine liebevolle Beziehung gelebt, die im Alltag nicht stattfand. Irgendwann kam der Ausbruch. Ich befreite mich aus meinem alten Leben, begann von vorne, mit allem, was dazu gehört. Beruflich habe ich mich in dein-schweinehund-bringt-loesungden vergangenen Jahren voll und ganz verwirklicht und lebe heute eine völlig andere, eine viel liebevollere Beziehung.

Ideen setze ich jetzt um, wenn ich sie habe, und trotzdem begleitet mich das Aufschieben beinahe täglich. Dann, wenn sich doch mal eines meiner Vorhaben auf die Warteliste schleicht, aber vor allem in meiner Arbeit als Persönlichkeitstrainerin.  Dort bin ich mit vielen Menschen im Gespräch, die im Zustand des Wartens sind, der Zustand, den ich noch gut von früher kenne. Mit ihnen begegnen mir die vielen „Abers“ und „Was-wäre-wenns“, die vielen Konjunktive, die uns davon abhalten einfach zu leben.

Inmitten dieser vielen ungelebten Träume denke ich an sie, an Julia Engelmann. „Unser Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft uns auf“, sagte sie beim Hörsaal-Slam. Und fand damit so schöne Worte für ein ernüchterndes Lebenskonzept. Doch glücklicherweise lassen sich Konzepte über den Haufen werfen. „Das Leben, das wir  führen wollen, das können wir selber wählen“, sagte sie auch, und liegt damit so richtig.

Wenn wir uns in scheinbar unüberwindlichen Problemen wiederfinden, von einem anderen Job träumen, uns mehr Liebe wünschen und uns völlig machtlos fühlen, hilft es, einen Schritt zurückzutreten. Und  zu beobachten und nachzudenken. Was in meinem Leben verhindert, dass ich rundum glücklich bin? Kann ich selbst etwas daran ändern?

Die „Abers“ kommen in Gestalt des Schweinehund

Ich durfte die Erfahrung machen, dass wir bis hierhin richtig gut sind. Im Analysieren sind wir Meister, im Tun sind wir Lehrlinge. Was den aktiven Macher vom passiven Analysierer unterscheidet, ist der noch nicht gewonnene Kampf gegen den Konjunktiv. Denn wenn wir erstmal wissen, was wir wollen und was wir dafür tun könn(t)en, dann kommen die „Abers“ und „Was-wäre-wenns“.

Sie stehen uns im Weg, und sie sind nur von uns selbst gemacht.

Die „Abers“ kommen in der Gestalt des Schweinehund. Ihn haben wir uns zugelegt, damit er immer dann theatralisch vor unsere Füße springen kann, wenn wir gerade vorhaben, etwas in die Tat umzusetzen. Sei es mehr Sport, bessere Ernährung, der Jobwechsel, das Gespräch mit dem Chef oder dem Partner. Der Schweinehund muss besiegt werden, heißt es. Natürlich ist es schön, wenn wir das schaffen, wenn es uns gelingt, sein Jaulen nicht zu hören, einen großen Schritt über ihn zu machen und ihn hinter uns zu lassen.

Doch so einfach ist das eben nicht. Sonst würde Julia Engelmann nicht mit ihren Worten so vielen Menschen aus der Seele sprechen.

„Ich schaffe das einfach nicht“

Diesen Satz höre ich immer wieder von Menschen, die in meine Beratungen kommen, oder: „Ich glaube, ich bin einfach kein Mensch, dem so etwas gelingt.“ Hier liegt das Trügerische in unseren Gedanken. Denn natürlich gibt es Menschen, die sich mit Entscheidungen und dem Aktivwerden leichter tun als andere.  Aber ein „ich kann das nicht“ lähmt das Potenzial, das in uns schlummert, mehr als alles andere.

Wir alle können unsere Träume verwirklichen. Und wir dürfen bei dem Versuch geduldig mit uns und unserem Schweinehund sein. Es muss nicht immer der große Schritt über ihn drüber sein. Vielleicht nehmen wir ihn erstmal liebevoll in den Arm. Oder ein Stück auf unserem Weg mit, auch wenn er sich an unser Bein klammert und das Gehen etwas schwerer macht. Irgendwann können wir ihn loslassen. Zurückkommen wird er ohnehin und uns mal hier, mal da an die „Abers“ unsere Leben erinnern. Es lohnt sich also, sich mit ihm anzufreunden. Und wenn wir ihn gut kennen und manchmal streicheln, können wir ihn auch viel besser austricksen.

Das „Weil“ an die Stelle des „Abers“ setzen

Wir sollten uns in der Geduld mit uns selbst üben, uns etwas Zeit nehmen, durchatmen und überlegen, welche kleinen Ziele wir angehen können. Vielleicht müssen wir ja nicht von heute auf morgen mit dem Rauchen aufhören, einen Marathon laufen oder eine Bikinifigur haben. Zum Beispiel können wir unsere tägliche Zigarettenanzahl reduzieren, ab und zu mal joggen gehen und uns auch über eine kurvige Badeanzugfigur freuen.

Und wir dürfen nicht zu hart zu uns selbst sein, wenn wir in alte Muster zurückfallen. Wir müssen es nur einfach wieder anpacken – dann, wenn es für uns passt und so, wie es für uns richtig ist.

Vor allem sollten wir eines tun: Wir sollten das „Weil“ an die Stelle des „Abers“ setzen. „Ich sollte mich Hals über Kopf in eine neue Beziehung stürzen, weil es mich glücklich macht“. „ Weil es mir guttut sollte ich meinem Chef mit großem Tamtam die Kündigung hinlegen“. „Ich sollte auswandern, weil es das ist, was ich will.“

Und so begegnen mir in meinem Alltag auch immer wieder Menschen, die genau das geschafft, die aus Überzeugung Hausfrau und Mutter geworden sind, die sich nach 40 Jahren Ehe vom Partner getrennt haben oder einen schlecht bezahlten Job angenommen haben, der sie einfach glücklich macht. Sie kannten die „Abers“ und haben sich für das „Weil“ entschieden. Und auch diese Menschen erinnern mich an Julia Engelmann. Denn sie werden irgendwann alt sein und von all den Dingen berichten, die sie tun wollten und dann auch getan haben.

stefanie_schal_rot_web_rgbDeine Stefanie Menzel

www.stefanie-menzel.com

Gefällt mir 140 Personen gefällt das

Diskussion

fan

Pin It on Pinterest

Share This