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Interview mit einem Bank-Chef: Gemeinwohl-Ökonomie als Unternehmensstrategie

Wenn eine Bank mit ihrer Unternehmensstrategie auch an die Gemeinschaft denkt – und was der Charakter eines Unternehmens und persönliche Transformationsprozesse miteinander zu tun haben

Ein Interview mit Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München eG

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Geld ist wie eine Eintrittskarte und gestattet Zutritt in bestimmte Welten. Geld ist der vermeintliche und anerkannte Wertmesser unseres Wohlstands. Banken dürfen dieses Geld verwalten und im besten Falle vermehren. Doch in so manche dieser Banken ist das Vertrauen in den letzten Jahren immer mehr verloren gegangen, seitdem 2008 die Bankenkrise diese Branche durchgerüttelt hat.

Geht Bank auch anders? Wie könnte sich eine Bank zukunftsorientierter aufstellen – glaubwürdiger, ehrlicher, würdevoller?

Dazu habe ich mit Helmut Lind, dem Vorstandsvorsitzenden der Genossenschaftsbank Sparda-Bank München eG, ein Interview geführt. Denn die Bank fühlt sich der Gemeinwohl-Ökonomie verbunden und hat bereits ihre dritte Gemeinwohl-Bilanz erstellt.

Die Sparda-Bank München eG ist eines der ersten Pionierunternehmen, das sich der Gemeinwohl-Ökonomie verbunden gezeigt hat. Wie sind Sie auf die Gemeinwohl-Ökonomie aufmerksam geworden, und was hat Sie dazu bewogen, sich in den Prozess der Gemeinwohl-Bilanzierung zu begeben?

Die ersten Schritte dazu hat einer meiner Kollegen bereits vor über zehn Jahren eingeleitet, indem er das Thema Nachhaltigkeit in die Bank gebracht hat. Später haben wir Christian Felber mit dem Thema „Neue Werte für die Wirtschaft“ zu einem Kundenforum eingeladen.

Seitdem bin ich regelmäßig mit Christian in Kontakt geblieben. Irgendwann erzählte er, dass sie dabei seien, das Instrument einer Gemeinwohl-Bilanz zu entwickeln. Das interessierte mich sehr, und so bin ich von Beginn an als Botschafter der Gemeinwohl-Ökonomie dabei. Sie ist für mich authentisch, wahrhaftig und ehrlich. Sie berührt mich mit dem Herzen. Sie überzeugt nicht nur mental, kognitiv und technokratisch, wie ich viele andere Konzepte erlebe, sondern sie wirkt ganzheitlich.

UnternehmensstrategieWas hat der Prozess der Gemeinwohl-Bilanzierung bei Ihnen im Unternehmen bewirkt? Was hat sich dadurch verändert, was wurde angestoßen?

Ich habe damals gewusst: Wenn ich den Prozess der Gemeinwohl-Bilanzierung korrekt implementieren will, also wenn ich alle Gremien einbeziehe – Vorstand, Aufsichtsrat und weitere Unternehmensebenen – dann kriege ich das nicht durch.

Also habe ich das auf meine eigene Kappe genommen und bin damit losgelaufen. Christine Miedl, unsere Direktorin Unternehmenskommunikation, hat mich dabei gigantisch unterstützt.

Spannend war damals, dass es viele Widerstände gab. Weil man Angst hatte, dass man, wenn man sich als Gemeinwohl-Bank outet, die Gehälter reduziert werden müssten. Oder auch, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Sozialleistungen verlieren, weil die Kunden nicht mehr bereit sind, für irgendwelche Leistungen zu zahlen, mit dem Hinweis, die Sparda-Bank sei ja jetzt gemeinwohlorientiert.

Es standen große Befürchtungen im Raum, dass „der Lind“ die Bank gefährdet. Diese Angstgefühle mischten sich aber auch mit der Hoffnung, dass da etwas Neues, Innovatives, Futuristisches und möglicherweise Zukunftsorientiertes passieren könnte.

Die Befürchtungen haben sich nicht bestätigt: Mittlerweile tragen alle Unternehmensebenen die Gemeinwohl-Ökonomie mit und finden es gut, dass wir die erste Bank Deutschlands sind, die eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt hat.

Zu uns kommen heute Kunden nicht nur wegen unserer Produkte oder unserer Konditionen. Sie kommen vor allem, weil wir eine GWÖ-Bilanz erstellt haben, weil wir eine andere Haltung zur Ökonomie einnehmen und eine andere Identität angenommen haben und ausstrahlen.

Nun gibt es ja sehr hart umkämpfte Branchen, bspw. im Druckereigewerbe, in denen der Preis diktiert. Hier ist eine häufige Reaktion, dass man sich eine Gemeinwohl-Ökonomie erst einmal leisten können müsse. Was ist ihre Reaktion auf solche Aussagen?

Ich finde, wenn ein Unternehmen die Aussage trifft, dass man sich eine Gemeinwohl-Ökonomie leisten können müsse, dann ist es wohl innerlich noch nicht überzeugt davon. Dann sollte es das gleich bleiben lassen. Für mich ist das die falsche Frage.

Ich sehe es für die Sparda-Bank München als absolute Notwendigkeit, mich den Fragen nach der Gemeinwohl-Ökonomie zu stellen, damit ich morgen und übermorgen noch am Markt dabei bin.

Für uns ist die Gemeinwohl-Ökonomie Teil unserer Unternehmensstrategie und unserer Zukunftsorientierung. Sie zahlt darauf ein, dass die Anzahl der Menschen exponentiell wächst, die zu den so genannten „inner directed people“ zählen. Paul Ray nennt sie auch die Kulturell Kreativen. „Inner directed people“ schauen nicht allein auf den Preis. Ihnen ist es wichtig, welche Werteorientierung ein Unternehmen hat, wo es sich engagiert und ob die Unternehmensidentität zur eigenen Haltung passt.

Die Sparda-Bank München an den Prinzipien der Gemeinwohl-Ökonomie auszurichten, ist für mich eine zukunftsorientierte Investition, die komplett außer Frage steht.

Was ist Ihre Prognose: Wie wird sich die Gemeinwohl-Ökonomie in den nächsten Jahren weiter entwickeln?

Ich erwarte auch hier eine exponentielle Entwicklung ähnlich wie bei der Zunahme der „inner directed people“. Gleichwohl wird es immer mal wieder Phasen des vermeintlichen Stillstands geben.

Es werden immer mehr Menschen durch transformationale Prozesse gehen, weil das Leben und auch die Gesellschaft das fordern. Das wird Auswirkungen darauf haben, dass sich unsere Wirtschaft verändert.

Schlüsselerlebnisse und Schicksalsschläge sind häufig der Auslöser, sich für diese Themen zu öffnen. Diese Triggerpunkte sind Transformationspunkte. Auch ich bin einen inneren Weg gegangen, bevor ich mutig genug war, mit der Sparda-Bank München den Weg der Gemeinwohl-Ökonomie zu gehen.

Wenn Triggerpunkte solche Transformationspunkte sind, wie kann man Menschen, die auf der Grenze stehen und hin und her gerissen sind zwischen der Sehnsucht nach dem Besseren und der Gefangenheit in ihren eigenen Widerständen, dabei unterstützen?

Ich glaube, dass jeder Mensch da selbst durch muss. Selbst bei Menschen, die mir sehr nahe stehen, kann ich da nichts beschleunigen. Jede Seele hat ihren eigenen Weg und Prozess, eine eigene Intelligenz und ein eigenes Regiebuch, das festgelegt hat, wie tief jemand fallen muss, bis er oder sie in den Turnaround geht.

Der einzige Beitrag, den man da leisten kann, ist es, zuzuhören und zu unterstützen. Zu missionieren oder kluge Ratschläge zu erteilen, bringen gar nichts – allenfalls vielleicht dann und wann mal einen Impuls zu geben, allerdings nicht zu invasiv. Mittlerweile mache ich folgendes: Ich segne diesen Prozess, denn es ist nicht in meiner Macht, da etwas zu verändern. Wenn derjenige bereit ist, bin ich da.

Herr Lind, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Stephanie Ristig-Bresser. Sie gehörte bis ins Frühjahr 2017 dem Vorstand des Wiener Gründungsverein der Gemeinwohl-Ökonomie an.

Weiterführende Links:

Gemeinwohl-Bilanz der Spardabank München eG

Website der Gemeinwohl-Ökonomie

Eine faire, sinnvolle Wirtschaft ist möglich – Einstiegsartikel Gemeinwohl-Ökonomie

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Hier findest du viele wache Menschen, die sich für eine Wirtschaft mit mehr Würde einsetzen:

 

Hier stellt dir unsere Expertin Bri Sandtner das alternative Geld- und Wirtschaftsmodell Gradido vor:

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