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Integritätsgestützte Pädagogik: Werte statt Regeln – wie Schüler eigenverantwortliches Miteinander lernen

In diesem ersten Artikel zur integritätsgestützen Pädagogik richtet sich Gastautorin und Lehrerin Svenja Strohmeier vorrangig an Pädagogen, aber auch an alle Interessierten, die sich für Schüler ein besseres Miteinander wünschen. In ihrem nächsten Artikel wird sie sich dann besonders den Eltern widmen und ihnen aufzeigen, wie sie gemeinsam mit ihren Kindern mehr Werte statt Regeln in ihr Familienleben integrieren können.

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Erinnerst du dich an das eine Poster, das wirklich in jedem Klassenraum hängt? Auf den heutigen steht in etwa Folgendes:

  1. Ich bin still, wenn jemand anderes redet.
  2. Ich gehe nur in den Pausen zur Toilette.
  3. Wenn ich etwas sagen möchte, melde ich mich.
  4. Zum Unterricht komme ich pünktlich.
  5. Ich kaue kein Kaugummi.
  6. Ich trenne den Müll.
  7. Die Dinge anderer Mitschüler behandle ich mit Respekt, ich mache niemandem seine Sachen kaputt.
  8. Ich bin freundlich zu jedem.
  9. Wenn ich ein Problem habe, gehe ich zu einem Lehrer.
  10. Das Handy ist während des Unterrichts ausgeschaltet in meiner Schultasche.

Ich als Lehrerin bin versucht, zu garantieren, dass du jeden Tag gegen eine der Regeln auf deinem damaligen Klassenposter verstoßen hast. Warum? Weil du ein Rebell bist? Wir sind das wohl kaum alle. Und trotzdem dürfte auf die große Mehrzahl von uns zutreffen, dass wir uns nicht konsequent an die Regeln gehalten haben. Ich sehe es nämlich tagtäglich in der Schule, wo ich meinem von mir sehr geliebten Job nachgehe.

Also, warum taten wir das damals und warum tun es unsere Kinder noch heute?

Weshalb Schüler zu Rebellen werden

Diese Regeln wurden damals nicht von uns definiert. Sie wurden uns vorgegeben. Und viele davon mögen den Erwachsenen wichtig sein, weil sie garantieren sollen, dass der Alltag in der Schule (oder auch zu Hause) harmonisch ablaufen kann. Und an diesem Grundgedanken ist ganz und gar nichts falsch. Die Umsetzung hinkt jedoch. Sie geht nicht ein auf das Individuum und seine Bedürfnisse und Wertvorstellungen in diesem Leben.

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Time-out für Regeln, die an den Bedürfnissen der Kinder vorbeigehen

 

Was geschieht, wenn wir – natürlicherweise – gegen Regeln verstoßen, die uns auferlegt wurden und uns selbst aber gar nicht so wichtig sind? Wir gehen zuerst in eine Art Dissoziationskonflikt mit uns selbst – wir haben uns selbst und unsere Eltern oder Lehrer enttäuscht. Das macht uns zu schlechten Kindern oder Schülern. Was tun wir also? Wir messen den Regeln weniger Bedeutung zu, sodass sie gar nicht mehr so wichtig sind für uns. Wenn sie nämlich nicht so wichtig sind, haben sie nicht die Macht, darüber zu bestimmen, ob ich ein gutes oder ein schlechtes Kind bin. Du merkst, dass ich in einfachen Worten spreche, weil ich gerne möchte, dass du dich ein wenig in deine eigene Kindheit hineinversetzt.

Das Dilemma der Pädagogen

Wir Pädagogen versuchen oft, dieses Dilemma zu umgehen, indem wir „die Regeln mit den Kindern gemeinsam aufstellen“. Die Kinder sind jedoch nicht von gestern und wissen genau, was wir als Eltern oder Lehrer hören wollen. Sie haben mit Sicherheit schon einmal die Erfahrung gemacht, dass wir unseren Willen am Ende doch durchdrücken. Denn es gibt einfach Regeln, an die „muss sich gehalten werden“. Und das ist absolut richtig! Gewalt beispielsweise ist eine nicht-akzeptable Aktion oder Reaktion auf eine wie auch immer geartete Situation. Und auch das pünktliche Erscheinen zur Unterrichtsstunde ist mindestens so wichtig, wie die fortlaufende Unterrichtsstunde nicht durch bimmelnde Handys zu unterbrechen.

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Regeln aufdrücken, indem man sie bespricht? Den Trick durchschauen die Schüler schnell

 

Was wir dabei aber vergessen: Unsere Regeln, Bedürfnisse und Werte als Erwachsene sind oft weder verständlich noch wichtig für Kinder. Und wenn sie das doch sind, dann können sie sie oft nicht fühlen. Wenn unsere Regeln und Werte nicht so aufgestellt sind, dass es dem Kind möglich ist, diesen zu entsprechen, schaufeln wir jeglichen Regeln, die wir sonst noch so aufstellen, ein großes Grab. Ein Grab, das wenigstens genauso groß ist, wie dasjenige, in welchem die erste gebrochene Regel begraben wurde.

Ein Ausweg: Werte statt Regeln

Ich möchte euch meinen Lösungsvorschlag in sechs Schritten an einem Beispiel aus meiner Klassenführung erläutern. Vorher möchte ich betonen, dass ich diese Methode weder in der Lehrerausbildung gelernt habe noch sie irgendwoher übernommen habe. Ich habe die Bedürfnisse und Werte mit Veit Lindaus Wertetabelle für Erwachsene auf Kinder bzw. Schüler|innen umgemünzt und zu jedem Bedürfnis oder Wert eine kleine Beschreibung und ein Alltagsbeispiel gegeben.

Was ist mir wichtig?

Diese Tabelle enthält eine größere Auswahl und meine Aufgabe an jedem Schuljahresanfang ist, dass ich als Lehrkraft mir zehn Bedürfnisse und Werte von dieser Tabelle aussuche und diese den Schüler|innen ganz klar kommuniziere. Manchmal, wenn ich das Gefühl habe, die Klasse ist übers Halbjahr sehr gereift, wiederhole ich das auch zu Beginn des zweiten Schulhalbjahrs. Schritt 1 ist also: Die Werte und Bedürfnisse der Tabelle vorstellen und meine eigene Auswahl begründen.

Ich erkläre den Schüler|innen dann beispielsweise, warum mir der Wert „Pünktlichkeit“ so wichtig ist: Wenn ich später anfange und immer unterbreche, nimmt dies den anderen Schüler|innen Lernzeit und die Chance auf eine ordentliche Ausbildung bei mir weg. Natürlich komme ich dann auch nur in Ausnahmesituationen selbst zu spät in den Unterricht. Ein weiterer Wert, den ich immer auswähle, ist „Ehrlichkeit“: Ich erkläre den Schülern, dass wir alle jeden Tag Fehler machen, und das ist gut. Wie will ich etwas lernen, wenn ich keine Fehler mache? Aber ich möchte dazu stehen und darüber nachdenken, damit ich sie kein zweites Mal machen muss, sondern mich weiter entwickeln darf.

Was ist den Kindern wichtig?

So, wie ich zehn Werte/Bedürfnisse für mich selbst auswähle, darf in Schritt 2 auch jeder Schüler und jede Schülerin für sich fünf bis zehn Werte aus der Tabelle auswählen.

Diese schreiben sie in Schritt 3 für sich um, indem sie erklären, was sie für sie persönlich bedeuten. Gerade am Anfang brauchen sie hierbei sehr viel Hilfestellung und Erklärungen; es ist wichtig, dass sie diese auch auf jeden Fall erhalten. Die Aufmerksamkeit, die in diese Phase gelegt wird, erspart ein Schuljahr voller leerer Regeln, Konflikte und Konferenzen!

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Mit Werten und Bedürfnissen, welche die Kinder in ihren eigenen Worten begründen, können sie sich viel mehr identifizieren

 

Diese Werte – und das ist die Herausforderung an dieser Methode – dürfen andere (Mitschüler|innen als auch Pädagogen) auf keinen Fall verletzen. Da gilt auch ganz klar: Wenn zum Beispiel der Wert „Stimulanz“ für eine Schülerin so wichtig ist, dass sie ihr Handy (unbenutzt!) auf ihrem Tisch liegen haben möchte  anstatt in ihrer Schultasche, weil dies weniger Stress in ihr auslöst, dann ist das in Ordnung.

Es gilt hier, Kompromisse einzugehen, die realitätsnah sind. Denn das Thema Smartphone ist so aktuell! Wir haben die Kinder von den Smartphones abhängig gemacht und tun bis heute in der Schule so, als wäre diese Sucht etwas, das man einfach mal so sechs Schulstunden abstellen kann. Erwarte ich das von Rauchern auch? Bitte vormittags einfach mal zusammenreißen und keine Zigarette anzünden? Die Ausschüttung der Hormone im Belohnungszentrum ist für Jugendliche bei der Handybenutzung unter Umständen die gleiche wie bei einem Drogensüchtigen, der seine Injektion erhält. Das ist unstrittig – und trotzdem tun wir so, als wäre es nicht so.

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Das Smartphone ist heute für viele Schüler wichtiger Bestandteil ihrer Bedürfnisse

 

Ich muss als Lehrerin natürlich konform bleiben, sollte also ein Wert/Bedürfnis eines Schülers gegen eine Schulregel verstoßen, so spreche ich mit dem Schulleiter darüber. Wenn ich meine Methode erklärt habe, wurden mir da bisher keine Steine in den Weg gelegt.

Daran halten wir uns – alle

Das Ergebnis dieser Methode, die natürlich für Eltern zu Hause genau so anwendbar ist wie in vereinfachter Form für Erzieher im Kindergarten: Die Kinder haben sich tiefgehende Gedanken darüber gemacht, was ihnen persönlich im Schulalltag wichtig ist, sie haben dies aufgeschrieben und in Schritt 4 vor der Klasse geäußert.

Um die Verbindlichkeit für alle deutlich zu machen, bitte ich die Schüler in Schritt 5 abschließend noch, die Liste zu  unterschreiben.

Sollte jemand gegen seine eigenen Werte verstoßen oder gegen die eines anderen, dann wird er auf seine Unterschrift hingewiesen. Das ermöglicht eine fruchtbare Diskussion darüber – im Gegensatz zu dem Satz „Du kennst doch die Regel dass du nett zu allen anderen sein sollst“. Wir versuchen damit, die Kinder zu wirklicher Selbstverantwortung und Selbstkenntnis zu erziehen.

… und zwar immer!

Der Nachteil an dieser Methode? Die Kinder werden sie genauestens prüfen. Sie möchten, wie es Kindern nunmal gegeben ist, genau wissen, woran sie sind. So ist es also wichtig für die anleitende Person, bei Regelverstößen nicht „mal Fünfe gerade sein zu lassen“. Denn damit begraben wir das Vertrauen des betroffenen Kindes in seine Werte und seinen eigenen Wert, wie auch in unsere Ernsthaftigkeit.
Schritt 6 ist deshalb genauso wichtig, wie die vorherigen Schritte: Die Werte jedes Kindes hängen transparent an der Wand. Dort, wo sie jeder einsehen kann.

Sollte ein Kind oder Erwachsener vorhaben, diese Werte und Regeln zu brechen, dann muss vorher ein Gespräch darüber stattfinden, warum dies passieren soll. Und ob das für jeden okay ist bzw. zu welchem Kompromiss das für jeden möglich ist. Klingt utopisch? Die Anfangszeit ist arbeitsintensiv und geprägt von Diskussionen, Austesten und Kompromissen. Aber das Ergebnis dieser Methode bietet ein System, in dem sich jeder selbst erforscht, kennenlernt, gesehen und wertvoll fühlt. Und damit steht und fällt ein System aus Menschenbeziehungen.

 

Wenn du Interesse an meiner Wertetabelle (für Klasse 5-10) hast: Du kannst sie auf meiner Webseite www.bewusstsEinswerden.de anfordern. Dort stehe ich über das Kontaktformular auch für Fragen zur Verfügung. Auch das (Arbeits-)Buch zur „Integritätsgestützten Pädagogik“ habe ich bereits in Planung! Wenn du mehr dazu erfahren möchtest, halte ich dich gerne auf dem Laufenden.

Alles Liebe

Svenja

Über Svenja:

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Ich bin Svenja, Jahrgang ´88 und im schamanischen Weltbild aufgewachsen. Schwitzhütten, Meditation, Trommelkreise und Trancereisen haben mich durch mein Leben geleitet. 2006 habe ich den ersten Reiki-Grad absolviert, 2012 den zweiten. Ich lebe für meine Berufung und die Musik mit meinen Tieren auf einem Hof in der Mitte zwischen Hannover und Bremen. Momentan befinde ich mich in der Ausbildung zum Heilpraktiker Psychotherapie und besuche regelmäßig Weiterbildungen zu den Themen Meditation, NLP, systemische Therapie, Persönlichkeitsentwicklung und -entfaltung & Coaching. Hauptberuflich bin ich Lehrerin an einer Oberschule. Im Juni 2018 traf ich Andrea und Veit bei einem Vortrag und Andrea schlug mir vor, mein Licht in die Welt zu tragen. Das möchte ich mit meinen Artikeln für den Compassioner gern tun! Ich freue mich darauf, euch den einen oder anderen Denkanstoß geben zu können und meine grenzenlose Freude am Dasein mit euch zu teilen!

Mehr zu Svenja und ihrer Arbeit erfahrt ihr auf ihrer Homepage: www.bewusstsEinswerden.de

 

In ihrem ersten Artikel für den Compassioner hat uns Svenja sehr berührende und hilfreiche Einblicke in ihr Leben mit einer Autoimmunerkrankung geschenkt. Wenn du den Artikel noch nicht kennst, findest du ihn hier:

Die Autoimmunerkrankung: 5 Schätze, die sie uns schenkt

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