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Landwirtschaft

„Landwirtschaft der kurzen Wege“: Ein fairer Marktplatz für Gemüse & Co

Agrar-Ökonom Klaus Gräff über die „Solidarische Landwirtschaft“ (SoLaWi), die er in Tübingen mitgegründet hat.

Die Landwirtschaft von heute, das sind Milchpreise, die für den Bauern nichts mehr übrig lassen, das ist Massentierhaltung, das sind Monokulturen und Monsanto…?

Dass Landwirtschaft auch ganz anders, viel gerechter und für alle Beteiligten gesünder geht, zeigen die „Solidarischen Landwirtschaften“ (SoLaWis), die in den letzten Jahren auch im deutschsprachigen Raum nach dem Vorbild der Community Supported Agriculture (CSA) aus den USA entstanden sind: Ein Landwirt oder Gärtner und seine Kund*innen schließen miteinander eine Art Pakt und machen ihren ganz eigenen Marktplatz auf, der unabhängig vom herkömmlichen Markt funktioniert.

LandwirtschaftEine derartige SoLaWi hat der Agrar-Ökonom und Transition-Town-Aktivist Klaus Gräff gemeinsam mit einigen anderen Menschen seit dem Jahr 2013 in Tübingen ins Leben gerufen und erzählt im Interview darüber – ein Projekt, das sicherlich an vielen weiteren Orten, gerade im städtischen Raum, Nachahmer*innen finden darf.

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Klaus, Ihr habt im Jahr 2013 in Tübingen eine SoLaWi gegründet. Magst Du kurz erklären, was es damit auf sich hat?

Bei einer SoLaWi bauen Landwirte und ihre Kund*innen ihren ganz eigenen Marktplatz auf. Der Landwirt legt transparent auf den Tisch, welche jährlichen Kosten ihm entstehen und was er jährlich braucht, um mit seiner Familie zu leben, und die Kund*innen (wir nennen sie Prosument*innen, denn sie gestalten den Prozess mit) schauen gemeinsam, wie sie diesen jährlichen Beitrag aufbringen können. In so genannten Bieterrunden wird geschaut, dass die vom Landwirt ermittelten Gesamtkosten zustande kommt. Daraus gibt sich ein Durchschnittsrechtwert, der monatlich zu zahlen wäre. Doch nicht alle Beteiligten müssen die gleiche Summe zahlen: Jeder zahlt das, was er oder sie kann, manche mehr, manche weniger. Damit ist also allen Beteiligten geholfen: Der Landwirt bekommt das, was er zum Leben und für seinen Betriebsunterhalt braucht, und die Prosument*innen erhalten frisches, biologisches, saisonales Gemüse aus der Region. Damit etabliert sich eine Landwirtschaft der kurzen Wege. Das ist auch gut für den Klimaschutz.

Welche Schritte seid Ihr bei der SoLaWi-Gründung gegangen? Was kannst Du anderen empfehlen, die Ähnliches vorhaben?

Unsere SoLaWi-Gründung ist aus der Transition-Town-Bewegung heraus entstanden. Zunächst hat sich eine Handvoll Interessierter bei Transition Town zusammen gefunden. Das war etwa 2011. Gemeinsam haben wir nach gut funktionierenden Beispielen gesucht, Recherche betrieben. Dazu bietet es sich heutzutage an, sich beim Netzwerk Solidarische Landwirtschaft zu informieren, das sich mittlerweile gegründet hat. Das steckte zu unseren Gründerzeiten noch in den Kinderschuhen. Bei unseren Recherchen haben wir auch Kontakt zu landwirtschaftlichen Betrieben in der Region aufgenommen und schließlich zwei potenzielle Kooperationspartner gefunden, die sich auf ein solches Experiment einlassen wollten. Als wir soweit waren, haben wir eine öffentliche Vortrags-Veranstaltung gemacht und für die Gründung einer SoLaWi in Tübingen Werbung gemacht. Zunächst sind wir im Jahr 2013 mit etwa 30 Interessierten gestartet, insgesamt braucht man also schon einen langen Atem und visionären Gründergeist.

Heute sind in unsere Gemüse-SoLaWi 160 Mitglieder, unsere beiden Landwirte bewirtschaften 2 Hektar Land für uns. Außerdem hat sich eine dazugehörige Streuobst-SoLaWi gegründet. Für SoLaWis, die sich jetzt gründen, ist es aber um einiges einfacher. Mittlerweile gibt es in Deutschland 150 SoLaWis, weitere 100 sind in Gründung. Dieses Wissen ist ja vorhanden und wird im Netzwerk „Solidarische Landwirtschaft“ gebündelt. Da gibt es sogar Seminare dazu. Auch Pioniere, wie ich einer bin, begleiten gern bei der Gründung  – besonders gern in Baden-Württemberg.

Welches Feedback habt Ihr von den Landwirten, mit denen ihr zusammenarbeitet, erhalten?

Die Landwirte sind durchweg positiv angetan. Beide Landwirte schreiben mittlerweile schwarze Zahlen. Zuvor war ihr Gemüseanbau nicht mehr rentabel. Außerdem ist für sie die Aufrechterhaltung ihres Geschäftsbetriebes für mindestens ein Jahr gesichert, denn alle Mitglieder der SoLaWi zahlen ihren Beitrag immer monatlich für ein Jahr.

Ein häufiges Argument ist ja, dass man sich die Versorgung mit regionalem und biologischem Gemüse gar nicht leisten kann. Wieviel zahlt ein Mitglied Eurer SoLaWi monatlich für die Gemüseversorgung?

Ich zahle mit meiner vierköpfigen Familie derzeit monatlich 64 Euro. Dafür bekommen wir wöchentlich ausreichend Gemüse. Natürlich ist das saisonal verteilt. Jetzt in den Sommermonaten kommen wir mit der Verarbeitung kaum hinterher und müssen einiges einmachen oder vorkochen und einfrieren. In den Wintermonaten gibt es dafür häufig eben Lagergemüse. Doch auch das ist Teil des Konzeptes: Sich auf diese saisonalen Schwankungen einlassen, mit der Natur leben, wieder mehr Bezug zur Natur bekommen. Uns ist der Preis dabei gar nicht so wichtig, der zweifelsohne konkurrenzfähig ist. Uns ist es wichtig, dass wir uns gesund ernähren, dass wir wissen, woher unser Obst und Gemüse kommt, dass wir in der Versorgung souverän werden. Übrigens leisten wir damit auch einen Beitrag  zur mehr Gerechtigkeit weltweit, denn das Modell der „Landwirtschaft der kurzen Wege ist auch für andere Kontinent zwingend denkbar.

Eine weitere Mär von SoLaWis ist ja auch, dass nebenbei so viel Arbeit anfällt. Müssen Eure Mitglieder auf dem Feld mitanpacken?

Da findet jede SoLaWi eine andere Regelung für sich. Bei einigen ist monatliche Feldarbeit Pflichtprogramm, bei anderen ist es eine freiwillige Möglichkeit. So handhaben wir es. Natürlich ist on top noch an den ganzen Verwaltungsaufwand und die Verteillogistik zu denken, denn das Gemüse wird in so genannten Depots verteilt, von denen sich alle ihr Gemüse abholen können. Doch das sortiert sich in der Regel gut. Es haben sich bisher immer genügend Menschen gefunden, die sich darum kümmern. Und wenn mal Not an Mann und Frau ist, haben wir Kommunikationskanäle über WhatsApps und Co., mit denen wir Aufrufe starten können.

Ein Blick in die Zukunft: Wie glaubst Du, ist es im Jahr 2030 um das Thema „Solidarische Landwirtschaft“ bestellt?

Natürlich wünsche ich mir, dass dann in Tübingen und rund um Tübingen viele weitere SoLaWis entstanden sind, dass dieses Thema in Baden-Württemberg und weiteren Bundesländern Kreise gezogen hat und dass wir über das Thema Ernährungssouveränität eine Ernährungswende zu mehr Autonomie und Darseinsvorsorge einleiten konnten. Bis dahin sollte sich das Konzept weiter verfeinert und professionalisiert haben. Toll wäre es auch, wenn weitere Branchen diese Grundidee einer „partizipativen Wirtschaft der kurzen Wege“ auf ihre Bereiche adaptiert hätten. Das mag nicht überall funktionieren, aber es gibt sicherlich Potenzial, auch in anderen Segmenten eigene Wirtschaftskreisläufe zu initiieren. Diese Quervernetzung werden wir weiter ansteben.

Lieber Klaus, vielen Dank für das gute Gespräch!

 

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Zur Website der „SoLaWi Tübingen“ gelangst du hier:

http://tuebingen.solawi-freundeskreis.de/

Mehr Informationen zum Thema „SoLaWi“ gibt es hier:

https://www.solidarische-landwirtschaft.org/de/startseite/

Hier findest Du eine Übersichtsliste der SoLaWis in Deutschland:

https://www.solidarische-landwirtschaft.org/de/solawis-finden/solawi-hoefe-initiativen/

 


Über die Autorin:

Stephanie Ristig-Bresser engagiert sich seit drei Jahren für die Gemeinwohl-Ökonomie und als Redakteurin für den deutschsprachigen Raum innerhalb der Bewegung sowie Mitglied des Vorstands des Wiener Gründungsvereins zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie.

www.stephanie-ristig.de

 


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