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Mein Leben mit der Panikstörung – Teil 1

Gerrit Fredrich ist ein junger, aufgeschlossener Mann mit vielen Plänen – als plötzlich eine Unbekannte in sein Leben tritt und es vollkommen aus den Angeln hebt: die Panikstörung. Mit diesem offenen und sehr persönlichen Brief möchte er sich an all die anderen Betroffen richten, die ebenfalls Bekanntschaft mit dieser Unbekannten machen mussten.

Er selbst durfte damals erfahren, wie hilfreich es sein kann, von anderen Menschen zu lesen, die Ähnliches wie er durchlebten. Weil sie ihm das Gefühl gaben, damit nicht allein zu sein. Weil er sich verstanden fühlte. Und weil er durch sie die Erkenntnis gewann, dass es weitergehen kann. Sie gaben ihm neue Hoffnung, neuen Mut. Heute möchte er mit seinem Brief all jenen etwas von dieser Hoffnung und diesem Mut schenken, die sich vielleicht in einer ähnlichen Lage befinden, wie er damals …

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Lieber Freund,

glaubst du, die Leute würden noch mit einem reden, wenn sie wüssten, wie verrückt man wirklich ist? Diese Frage habe ich mir eine Zeit lang sehr oft gestellt. Ich leide nämlich unter einer Panikstörung. Ich bin froh, dass du hier bist. Wenn du selbst an einer solchen Erkrankung leidest, dann lade ich dich hiermit herzlich ein, mit mir auf eine Reise zu gehen. Diese Reise führt uns durch meine Geschichte.

Meine erste Panikattacke hatte ich auf dem Fußballplatz. Es war mitten im Spiel, als ich plötzlich das Gefühl hatte, die Welt würde über mir zusammenbrechen. In diesem Moment war ich völlig überfordert, mein Körper spielte verrückt. Mein Herz schlug so schnell und so stark in meiner Brust. Ich war mir sicher, dass ich umfallen und sterben würde. Es kam einfach so über mich. Aus dem Nichts und ohne Vorwarnung zog es wie dunkle Wolken über meine Welt. An diesem Tag bin ich nicht gestorben, geregnet hat es trotzdem. Um ehrlich zu sein war es nicht nur Regen, es war ein Gewitter, ein heftiger Sturm. Er hat in mir tiefste Panik ausgelöst. Er hat mein Leben verändert.

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Wie ein plötzliches Gewitter brach die Panik über Gerrit ein

Die Tests sagten: Ich bin gesund

Nach diesem Erlebnis folgten viele Arztbesuche und viele Tests. Oft umtrieben mich dabei Gefühle von Schwindel und Schwäche, ein sehr unangenehmes Druckgefühl hier und da … und vor allem die Angst, nochmals in eine solche Situation wie auf dem Fußballplatz zu geraten. Kein Arzt konnte mir sagen woran ich litt. Jeder Test hatte als Ergebnis, dass ich gesund sei.

Aber das konnte nicht sein, meine Symptome waren doch da. Sie fühlten sich echt an. In meinem Kopf gestalteten sich die Bilder einer schlimmen Krankheit, welche einfach nicht entdeckt wird. Und wenn doch, dann wird es wohl zu spät sein. In diesem Moment habe ich mich verrückt und alleine gefühlt. In mir waren so viel Schmerz und Kummer. Doch ich hatte Angst, diese weiterhin zu äußern. Zum einen, weil ich befürchtete, dass mich niemand verstehen oder für voll nehmen würde. Und zum anderen, weil ich tatsächlich befürchtete, an einer tödlichen Krankheit zu leiden. Das aber laut zu äußern – dafür brachte ich nicht den Mut auf.

Lieber Freund, wenn du dich in irgendeiner Weise von diesen Zeilen angesprochen fühlst oder gar selbst schon diese oder ähnliche Erlebnisse erfahren musstest, dann habe ich drei gute Nachrichten für dich:

  1. Du bist nicht verrückt!

  2. Du bist nicht allein!

  3. Darüber reden hilft, versprochen!

Erst die Panik, dann die Isolation

Meine unentdeckte Krankheit schnürte mich so sehr ein, dass ich den Fußball, mein Studium und meine Arbeit aufgeben musste. Ich zog mich komplett in meine Wohnung zurück und hielt meine sozialen Kontakte auf großem Abstand. Ich wurde innerlich aufgefressen und hatte keine Kraft mehr, mich zur Wehr zu setzen.

Es heißt, man muss erst ganz unten sein, damit es wieder aufwärts gehen kann. In diesem Moment, als es mir nicht mehr gelang meine eigene Wohnung zu verlassen, da war ich im tiefsten Abgrund. In meiner Welt gab es kein Licht und keine Wärme. Ein Schleier der Einsamkeit legte sich um mich und drückte so fest auf meine Brust, dass ich befürchtete zu ersticken.

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Eine Brücke

Es war an der Zeit, zu reagieren. Frei nach dem Motto von Doraja Eberle:

„Tu etwas, dann tut sich was.“

Was ich in diesem Moment tat, war nicht viel, aber es kostete mich dennoch viel Überwindung. Ich schrieb die erste E-Mail an meine Familie mit dem Titel „Brücke“. Darin schilderte ich ihnen alles, jede Sorge, jede Angst, jedes Gefühl. Ich wusste, dass es sinnlos wäre, irgendetwas zu verschweigen. So kam es kurze Zeit darauf, dass wir alle gemeinsam an einem Tisch saßen und uns berieten, wie wir vorgehen können. Sie reagierten nicht, wie vermutet, mit komischen Kommentaren; sie erklärten mich nicht für verrückt oder nahmen meine Aussagen nicht ernst.

Was ich bekam, war ehrlich gemeinte und vollkommene Liebe und Unterstützung. Sie sicherten mir zu, dass ich fortan keinen Schritt mehr alleine gehen muss. Dass sie an meiner Seite sein werden und dass wir mir gemeinsam Hilfe suchen werden.

Lieber Freund, alleine hätte ich das niemals geschafft. Ich weiß, es war noch nicht die endgültige Lösung für mein Problem, meine Krankheit. Aber es war ein Anfang – und dafür werde ich meiner Familie für immer dankbar sein. Denn weißt du, die Heilung steckt im Menschen und die Kraft dazu liegt in der Gemeinschaft. In diesem Sinne möchte dich einladen und dir Mut machen, Brücken zu bauen.

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Wie könnte deine Brücke aussehen? Zum wem könnte sie führen?

 

Mit wem du dabei ins Gespräch gehst, ist dir überlassen. Wer den Mut hat, seine Sorgen und Gefühle zu äußern, der ist nicht schwach, sondern sehr stark. Wir akzeptieren oft sehr schnell, was wir zu verdienen glauben. Aber du und ich, wir beide verdienen mehr als ein Leben in Gefangenschaft auf dem Sofa und dafür möchte ich mit dir gemeinsam aufstehen und kämpfen.

Lieber Freund, der das Schicksal mit mir teilt: Ich hoffe, dass du dieser Krankheit entkommst.

Und obwohl ich dich nicht kenne, wohl nie mit dir lachen, weinen und erfahren werde, was deine Lieblingsschmetterlingsart ist, hoffe ich, dass du verstehst, wenn ich dich meinen Freund nenne.

Von ganzem Herzen

Dein Freund Gerrit

 

In einem zweiten Brief wird sich Gerrit insbesondere den Angehörigen von Betroffenen widmen. Darin wird er unter anderem berichten, wo er auf Unterstützung von Familie und Freunden angewiesen war. Aber auch, welches Verhalten von Angehörigen bei einer Panikstörung eher hinderlich sein kann.

Über Gerrit:

Mein Name ist Gerrit und ich bin in einer christlichen Familie aufgewachsen. Es war schon immer mein berufliches Ziel, anderen Menschen zu helfen. So kam es, dass ich „Soziale Arbeit“ studierte. Seit 2018 habe ich eine Panikstörung. Aufgrund dieser Krankheit suchte ich mir einen neuen Weg, meinem Traum, meiner Berufung nachzugehen. Im Juli 2019 beendete ich mein Fernstudium „Kreatives Schreiben“ und veröffentliche jetzt meine ersten Artikel. Mehr über meine Geschichte, meine Beweggründe und was ich mit meinen Artikeln erreichen möchte, wirst du in meinen kommenden Beiträgen erfahren. Ich freue mich sehr darauf, diesen Weg mit dir gemeinsam zu gehen.

Falls du mich kontaktieren möchtest, dann schreibe gerne eine Mail an die Compassioner-Redaktion: redaktion(at)compassioner.com. Alle Anfragen werden von dort an mich weitergeleitet.

 

Wenn du dich in Gerrits Erzählungen wiederfindest oder jemanden kennst, der sich stark zurückgezogen und Ängste entwickelt hat, kann es wichtig sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Soforthilfe bekommst du bei der TelefonSeelsorge: Rufnummern 0800-1110111 und 0800-1110222.

 

Wer darüber hinaus ein geeigneter Ansprechpartner für dich sein kann, erfährst du über deinen Hausarzt und in diesem Artikel:

Psychische Probleme – wie findet man kompetente Hilfe?

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