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Neues SchreibGlück Exposé: Lebensluft – woher nehmen, wenn nicht sterben?

Wieder möchte ein Buch aus dem SchreibGlück Kurs das Licht der Welt erblicken. Gerne stellen wir hier ein neues Exposé eines Kursteilnehmers vor:

Lebensluft – woher nehmen, wenn nicht sterben?

Von Tom deBoos

Leseprobe aus dem 8. Kapitel: Reflexion des Hauptprotagonisten Carl über den Tod seiner Schwester Klara:

Es war noch kein Jahr her, dass Carls Schwester an „seiner Krankheit“ gestorben war. Genau genommen war sie an einem Kollateralschaden gestorben, der sich in Vorbereitung auf eine Lungentransplantation ereignete. A collateral damage. So ein klinisch sauberer Begriff, bezogen auf das Auslöschen eines Menschenlebens. Ein Begriff, wie ihn nur Militärs prägen können, für die der Tod eines Menschen nichts Ungewöhnliches ist. Nicht in dem Sinne, dass der Tod eben zum Leben dazugehört, sondern, dass sie bei der Ausübung ihres Berufes das Sterben von Menschen in Kauf nehmen. Er oder ich? Nun war also auch Carls Schwester einem collateral damage zum Opfer gefallen – im Kampf gegen die Krankheit.
„“Hallo, Klara. Du bist jetzt wieder in deinem Zimmer.“ Sie richtete sich mühsam auf und brachte ihr Gesicht ganz dicht an seines.
„“Wer bist’n du?“
„“Ich bin’s, Carl, dein Bruder.“
„“Ach ja, Heckeshorn.“
Zwei Stunden später war sie tot. Zuletzt gab man ihr, zurückverlegt von der Intensivstation auf ihr Krankenzimmer, von den Ärzten aufgegeben, Morphium, um die Schmerzen beim schwerer und schwerer werdenden Atmen zu lindern. Die Atemstöße wurden dann immer kürzer, bis aus der Kehle nur noch ein mehrmaliges Klicken drang – und dann gar nichts mehr. Es stimmt, wenn gesagt wird, dass das Gesicht gerade erst Verstorbener regelrecht aufblüht. Seine Schwester sah im Augenblick ihres Todes so schön aus wie nie zuvor.
Heckeshorn. Der Ort, der einem durch üppige Vegetation hindurch einen herrlichen Blick auf den Wannsee bietet. Der Ort, an dem die Endlösung der Judenfrage beschlossen wurde. Der Ort, an dem Lungenkrebskranke rauchend vor dem Klinikeingang herumlungerten, die Sucht trieb sie so ihrem Ende schneller zu. Der Ort, an dem die Kinderklinik beheimatet war, in der unter anderem auch die „Kinderkrankheit“ Mukoviszidose behandelt wurde. Carls Schwester hatte hier schon etliche Aufenthalte hinter sich gebracht, immer mit dem Ziel, ihre Krankheit zu lindern, nie mit dem Ziel, sie zu heilen.

Es gab nichts zu heilen an ihrer von Infektionen zerfressenen Lunge. Ihr letzter Aufenthalt sollte dazu dienen, sie fit zu machen für eine bevorstehende Lungentransplantation, die letzte Chance, ihr Leben durch Einpflanzen eines gespendeten Organs zu verlängern. Hierzu war es zur Verbesserung ihres Allgemeinzustands erforderlich, eine Magensonde einzuoperieren, durch die sie künstlich ernährt werden konnte, um somit an Gewicht zuzunehmen. Zehn Tage vor ihrem Tod erfolgte der Eingriff, der wider Erwarten nicht den gewünschten Erfolg brachte, sondern nach Abbruch der Operation zur Folge hatte, dass Klara einen Narkoseschaden davontrug.
Schon bei Carls erstem Besuch, zwei Tage nach dem gescheiterten Eingriff, fiel ihm Klaras unkonzentriertes, fahriges Verhalten auf. Ein ihr von Carl mitgebrachtes Tangram-Spiel brachte sie fast zur Verzweiflung, weil ihr das Legen einfachster Figuren nicht gelingen wollte.

Sie erzählte ihm, dass sie abends immer Space-Filme im Fernsehen ansah, weil diese sie an ihre Erlebnisse während der Narkose erinnerten. In der darauffolgenden Nacht erreichte Carl der Anruf seiner anderen zu Krankenbesuch bei Klara weilenden Schwester vom Krankenbett aus. Er solle bitte schnellstmöglich kommen und sie ablösen, Klara habe geistige Verwirrungen und schreie unverständliches Zeug. Carl fuhr nachts um eins in die Klinik und hörte schon auf dem Gang unmenschliche Schreie aus dem Zimmer dringen. Kristina, seine ältere Schwester, offensichtlich total mit den Nerven fertig, verabschiedete sich ziemlich schnell und ließ ihn hilflos zurück. Er umarmte Klara, sie kam etwas zur Ruhe. Sie vertraute ihm an, dass es doch einen Gott gebe. Gott sei die Unabdingbarkeit für einen Menschen in Not.
Später fing sie wieder an zu schreien, nein, zu brüllen. Die herbeigeeilten Ärzte konnten nicht verstehen, wo sie mit ihren schlechten Lungenwerten die Luft dazu hernahm. Es wirkte, als hätte sie schreckliche Visionen. Am frühen Morgen wurden ihre Blutgaswerte gemessen und die Ärzte teilten Carl das besorgniserregende Ergebnis mit. Wenn Klara nicht schleunigst künstlich beatmet werden würde, könnten sie nicht für ihr Überleben garantieren. Da auch das Intubieren in ihrem momentanen Zustand nicht ohne Risiken war, stand er vor einer sehr schwierigen Entscheidung, die er alleine zu treffen sich nicht in der Lage sah.

Paradoxerweise konnte er aber weder seine Eltern noch seine ältere Schwester erreichen, da diese, wie sich später herausstellte, eben zu diesem Zeitpunkt miteinander telefonierten. Die Ärzte drängten auf eine schnelle Entscheidung. Carl entschied und ließ Klara zur weiteren Behandlung auf die Intensivstation verlegen. Hätte er damals geahnt, dass dies ihr Leiden nur unnötig verlängern sollte, er hätte sich anders entschieden.
Klara wehrte sich energisch gegen den Tubus, der ihr sichtlich unangenehm war. Sie versuchte ständig, sich den Schlauch aus dem Rachen zu ziehen, bis die Ärzte bestimmten, ihr die Hände zu fixieren. Inzwischen waren auch Kristina und Carl auf der Station erschienen. Beide forderten, als sie ihre Schwester gefesselt liegen sahen, sie sofort freizumachen. Sogleich griff Klara nach dem Schlauch und riss ihn sich aus dem Schlund, gefolgt von einem den ganzen Körper durchschüttelnden Hustenanfall, der sie eine Unmenge von Schleim geradezu erbrechen ließ. Panik stand ihr auf dem Gesicht, sie starrte ins Leere und atmete schnell und stoßweise.
Zunächst konnte Klara auch ohne weiteres Intubieren ihre schlechten Werte stabil halten. Ihre Verwirrtheit nahm aber nicht ab, sondern täglich zu. Sie fing an zu kichern und gestikulierte wild in der Gegend umher. Sie verfiel dem Wahn, dass sie in einem anderen Menschen weiterleben könne.

So verlangte sie zunächst nach ihrer Cousine. Da diese den gleichen Vornamen hatte wie sie selbst, glaubte sie wohl, in ihr ihr Alter Ego zu finden. Als die Cousine dann eintraf, war Klara die Enttäuschung anzumerken, da sie wohl an irgendeine Erlösung aus ihrem erbarmungswürdigen Zustand geglaubt hatte, die jedoch nicht eintrat. Als Nächstes redete sie ständig über ein Neugeborenes aus ihrem Freundeskreis, wohl in der Hoffnung, sie könne in ihm weiterleben, durch eine Art Seelenwanderung sozusagen. Dies alles konnte Carl nur vermuten, da Klaras Ausführungen viel zu wirr waren, als dass sie einen nachvollziehbaren Sinn ergeben hätten. Carl, dem durchaus bewusst war, dass seine kleine Schwester sich mehr und mehr von der Realität verabschiedete und ihr Geist in ein Reich jenseits der allgemeinen Vorstellungskraft hinüberwanderte, versuchte, sie durch Erzählungen aus ihrem Leben in der realen Welt zu halten. Zeitweise schien das auch zu gelingen. „Ich war ja in Kenia, ja, ja, stimmt. Das war ja ich, da am Ozean. Der Ausflug nach Sansibar. Der schwarze Mann, der mich anbettelte. Ich gab ihm nix. Und dann sein Gesicht, ganz nah an meinem. Und er flüsterte: You will die.“
Ihre Werte verschlechterten sich nun doch zusehends, für ihren Verfall entscheidend war der CO2-Wert in ihrem Blut, der darauf hindeutete, dass unter anderem ihr Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wurde. In der nächsten Nacht sprach sie gar nicht mehr, sondern pikte Carl, der neben ihrem Bett stand, nur mit spitzem Finger in den Bauch, deutete dann auf die Wanduhr und dann auf den daneben herabhängenden Vorhang. Dabei lachte sie verschwörerisch. Carl deutete das so, dass sie meinte, die Zeit sei gekommen, dass der Tod nun hinter dem Vorhang hervor ins Zimmer treten würde, um sie abzuholen.

Eine wahrhaft, nein, wahnhaft gespenstische Situation. Der nächste Schritt war, dass Klara gar nichts mehr von sich gab, sondern nur apathisch in ihrem Bett lag. Ärzte, die sie jahrelang betreut hatten, erkannte sie nicht wieder. Am Ende sogar nicht mal mehr Carl. Sie starb in völliger geistiger Umnachtung einen jämmerlichen, qualvollen Tod. Und sie starb nicht in Heckeshorn, die Lungenklinik dort gab es zu diesem Zeitpunkt schon seit Längerem gar nicht mehr. Aber für Klara spielten wohl zeitliche Zusammenhänge in ihren letzten Stunden keine Rolle mehr. Es spielte nichts Irdisches irgendeine Rolle mehr.

Ihr Geist befand sich in einer Welt, in die ihr kein vermeintlich Gesunder folgen konnte. Vier Tage später wurden ihre sterblichen Überreste verbrannt. Bei ihrer Beisetzung im April lag noch Schnee, aber es schien die Sonne in hellstem Glanze.
Noch als Klara sprachlos mit Tubus im Hals auf der Intensivstation lag, wurde Carl von seiner geistig taumelnden Schwester vorausgesagt, und das schriftlich durch für sie bereitgehaltenen Stift und Papier, dass er sie nur um ein Jahr überleben würde. Das war nun elf Monate her. Nachdem Carl bei der Begleitung seiner Schwester in den Tod erlebt hatte, zu welchen Konstruktionen und jenseitigen (Ir-)Realitäten das Hirn eines Menschen fähig war, schloss er nicht mehr aus, dass seine Schwester zu ihrem Ende hin die Gabe der Vorsehung besessen hatte.

Die Eltern von Klara, aus ihrem Heimatort angereist, nachdem sie die erschreckende Nachricht vom Zustand ihrer Tochter bekommen hatten, befanden sich an ihrem Todestag auch in der Klinik. Klaras Mutter konnte sich jedoch nicht überwinden, das Sterbezimmer zu betreten. Und ihr Vater zog es vor, in dieser schweren Stunde bei seiner Frau zu bleiben. So war Carl der Einzige, der in Klaras letzten Minuten bei ihr war. Als alles vorbei war, Carl die Ärzte verständigt hatte, er seinen Eltern die traurige Nachricht überbracht hatte, gingen alle drei, die Mutter unter Valium stehend, von Mann und Sohn gestützt, zum Parkplatz, ohne nochmals mit einem der Ärzte gesprochen zu haben.
Schweigend stiegen sie ins Auto, und schweigend verlief auch die folgende Fahrt. Carl, der im Fond saß, bekam gar nicht so genau mit, wohin die Reise ging. Seine Mutter lag mehr auf dem Beifahrersitz, als dass sie saß. Vollkommen apathisch in sich zusammengesunken, tränenüberströmt und wimmernd ließ sie ihrem Schmerz freien Lauf. Bei seinem Vater das genaue Gegenteil.

Das Autofahren half ihm, seinen Schmerz zu unterdrücken und seine Gedanken zu sortieren. Konzentriert lenkte er den Wagen; es schien, als hätte er ein Ziel vor Augen, das aber den anderen beiden unbekannt und auch egal war. Carl sah aus dem Fenster auf die vorbeirauschenden Häuserzeilen, mehr und mehr durchsetzt von grünenden Freiflächen. Irgendwann kamen gar keine Häuser mehr in sein Blickfeld. Er dämmerte vor sich hin, erschöpft von den vergangenen Tagen und Nächten, die er mit kurzen Unterbrechungen bei seiner Schwester verbracht hatte. Jetzt, wo sie nicht mehr da war, spürte er allmählich den Verlust, den er hinnehmen musste…..

+++

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