Kategorien Anzeigen

Erfolg Body Arbeit Beziehungen Deine Welt Glück Seele Podcasts humantrust @Redaktion

tiel-insel-der-zuflucht

Nina Ruge: ÜBER DAS SUCHEN UND LEBEN VON WERTEN

„Die Werte-Diskussion“. Allgegenwärtig diskutieren wir. Meistens allerdings sind das gar nicht „wir“. Das ist eine öffentliche Debatte, die – zumindest mir – ziemlich oft moralinsauer aufstößt.

Was habe ich ihn gehasst, den erhobenen Zeigefinger! Am gruseligsten stach er aus den Mädchen-Poesie-Alben meiner frühen Jugend heraus. „Du sollst.“ „Du darfst nicht“. „Das ist gut – und das ist schlecht“. Ich habe damals natürlich nicht kapiert, was mich so kiebig machte – aber das Grundgefühl war stark. Und es war echt. Niemand soll mir die Maßstäbe meines Handelns vorgeben. Ich möchte sie mir selbst erschaffen!

Und so komme ich zu dem, was ich unter „Werte-Diskussion“ verstehe. Das ist eine Diskussion, die zu Erkenntnis führt. Das ist ein Erkenntnisprozess, der uns nicht verbiegt, der nicht gesellschaftlich angesagt oder geächtet ist, je nach politischer Mainstream-Wucht. Nein, diese Erkenntnis führt uns zu einer starken inneren Haltung zum Leben. Und eine solche Haltung kann nur wachsen, wenn niemand von außen dran zieht.

Werte sind Orientierungs-Leuchttürme meines Verhaltens, die mich nicht mehr von außen anflackern – sie leuchten von innen. Niemand kann sie mir einpflanzen, und niemand kann mich moralisch in die Schraubzwinge nehmen, Wert-Interpretationen „der Anderen“ fraglos zu repetieren.

Werte werden nur von innen gelebt – und das nur in freier und bewusster Entscheidung. Werte waren in früheren Denk- und Bewusstseins-Epochen durchaus vorgegeben – von der Kirche, von der Schule, vom Elternhaus. Heute nur noch in vereinzelten Fällen. Ein Werte-Gerüst – das uns trägt, wie das Bild ‚Gerüst‘ so schön nahe legt – müssen wir uns selber bauen. Und da uns weder unsere schöne neue Medienwelt noch unsere schöne neue Berufswelt dazu animieren, auf die Suche nach den Werten zu gehen, die von Herzen kommen und die zu Herzen gehen, landet der hochgelobte Löwe der Wertorientierung sehr gerne als Bettvorleger unserer inneren Bequemlichkeit.

Ich möchte Sie animieren… sich sehr bewusst dem zu öffnen, was IHR Gefühl und IHRE Sehnsucht nach Werten ist. Wie wollen Sie leben – nach welchen inneren Maximen? Was soll entstehen? Das Gefühl, die Überzeugung – ja, die HALTUNG der inneren Gelassenheit, der Stärke, der Wärme und der tiefen Geborgenheit im Sein?

Dann fangen Sie an. Übernehmen Sie Verantwortung. Bauen Sie selbst die Maximen Ihres Handelns. Lassen Sie nie zu, dass das ein anderer tut.

Ihre Nina Ruge

Weil es so schön passt, möchte ich Ihnen hier ein Kapitel aus meinem Buch “Der unbesiegbare Sommer in uns” schenken. Viel Freude damit.

Einfachheit ist die höchste Stufe der Vollendung 

Über das Suchen und Leben von Werten

Wer sich darauf eingelassen hat, das eine oder andere aus den vergangenen Kapiteln für sich auszutesten, der hat sich einen wertvollen Werkzeugkasten geschaffen. Wertvoll deshalb, weil er ein Unikat ist.

Die verschiedenen Instrumente haben Sie selbst geformt, hoch kreativ, mit großer Sensibilität und vor allem mit einem Ziel vor Augen: Den Weg zu Ihrem inneren Sommer freizulegen. Mithilfe der Instrumente kann es Ihnen gelingen, den Gedankenvorhang zu öffnen, der Herz und Gefühle verschleiert hat. Es kann Ihnen gelingen, sich ganz und gar dem Augenblick hinzugeben und das Leben als stetige, unmittelbare Kraft zu empfinden, die immer da ist und tiefen Frieden schafft. Vielleicht gelingt es Ihnen sogar, mit einem Satori zu arbeiten, dem stärksten der Werkzeuge in Ihrem Kasten, das Ihnen auf magische Weise immer wieder von neuem den Weg weisen kann in Ihrem Leben, als Seelen-GPS. Die Voraussetzung für all das ist allerdings – ich weiß, ich wiederhole mich – dass Sie Ihre Instrumente regelmäßig einsetzen. Einmal, zwei- oder dreimal

reicht nicht aus, es wird immer wieder nötig sein. Über Jahrzehnte eingefahrene Denk- und Verhaltensgewohnheiten lassen sich nicht auf- und zudrehen wie ein Schraubverschluss …

Wenn Sie sich dann aber mit der Zeit immer mehr ihrer individuellen Endlichkeit und zugleich der Ewigkeit des Prinzips Leben in Ihnen bewusst werden, dürfte das ordentliche Auswirkungen haben auf Ihr Fühlen, Denken und Handeln. Das wiederum wird Ihr Wertgefüge ändern, und zwar deutlich. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden Sie neu und anders bewerten, was Sie zuvor als wichtig empfunden haben und was eher nicht. Das heißt: Mit dem Bewusstseinswandel kommt ein Wertewandel. Vorausgesetzt allerdings, dass Ihnen Werte als solche bewusst und wichtig waren und einen Orientierungsrahmen für Ihr Handeln geboten haben.

Aus einem veränderten Bewusstsein entstehen also andere Werte. Sie sind sozusagen »Endprodukte«, die ich mir mithilfe meiner selbstgebauten Werkzeuge schaffe. Daher können auch sie wiederum nur so sein, wie die Werkzeuge selbst: Sehr, sehr individuell.

Sicherlich verfügen wir bereits über einen ganzen Kanon gesellschaftlich akzeptierter Werte und Normen. Doch welche von ihnen leben wir bewusst? Setzen Sie sich immer mal hin, um mit sich selbst oder mit Ihren engsten Vertrauten Ihr persönliches Werte-Patchwork zu nähen?

Ein fest vorgegebener Wertekanon, den man ungefragt zu akzeptieren hat – das war bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein eine Selbstverständlichkeit. Heute, im 21. Jahrhundert, erleben wir die Auflösung der allgemeingültigen Werte (oder sagen wir besser: deren Restbeständen), erleben ihre Fragmentierung in ein System der multiplen Wertewelten. Gemeinsame Werte, die den Ordnungsrahmen für eine Gesellschaft bilden sollten – das war eine ideale Vorstellung. Doch leider hat sich eben dieser Ordnungsrahmen oft nur in Schönwetterzeiten bewährt, was nartürlich Misstrauen gesät hat.

Deshalb ist meine Erfahrung, dass wir heutzutage nur solche Werte dauerhaft leben können und wollen, die wir uns selber gebastelt haben, die aus uns selbst entstanden und daher authentisch sind. Es geht nun also um einen bewussten individuellen Wertemix, um Ihren Wertemix, der geboren wird aus der Erkenntnis der ›anderen, ewigen‹ Seite in uns, der Seite des unbesiegbaren Sommers. Ohne das Bewusstsein für diesen Sommer sprießt kein selbst gesätes Wertesystem.

Ich möchte mich jetzt mit einigen Werten beschäftigen, die Ihnen allen bestens bekannt sein dürften, die Sie auch mit einiger Wahrscheinlichkeit »wert«-schätzen, die aber trotzdem oft keinen Eingang finden in unsere Wahrnehmung und Gefühle und die daher vielleicht nur rudimentär Einfluss auf unser Verhalten haben.

Es liegt an Ihnen und Ihrem Einsatz des Werkzeugkastens, das zu ändern.

Als Erstes eine Vokabel, die aus unserer Alltagssprache ausgemustert wurde: Demut. Klar, die Bedeutung von Demut kennen wir zumindest oberflächlich alle. Wer aber die Wurzel ihrer Bedeutung nachliest, wird fremdeln. Demut ist die »Gesinnung eines Dienenden«. Im christlichen Glauben beschreibt ›Demut‹ das Verhältnis zwischen dem »Schöpfer und seinem Geschöpf« – ähnlich dem Verhältnis von »Herr und Knecht«. Das als ein Wert im 21. Jahrhundert?? Bei Wikipedia findet sich noch ein anderer inte- ressanter Satz: »Der Demütige erkennt und akzeptiert aus freien Stücken, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt.«

… und ich füge hinzu, Sie kennen es schon zur Genüge: »Etwas Unerreichbares, Höheres, das sich freundlicherweise in uns allen manifestiert und in uns präsent ist, solange wir leben«.

Wäre das ein Beet, auf dem echte Demut gedeihen könnte? Eine Demut der zeitgemäßen Sorte, eine des 21. Jahrhunderts?

Unzeitgemäß – oder vielleicht besser: zeitlos – hat es der amerikanische Prediger Henry Ward Beecher im 19. Jahrhundert formuliert:

»Ein edler Mensch schätzt sich ein nach einer Idee, die größer ist als er selbst.« 

So, Hand aufs Herz: Wer legt schon als Maßstab für die Selbsteinschätzung eine Idee an, die größer ist als er oder sie selbst? Könnte aber gut tun. Nicht ich bin der Maßstab aller Dinge, sondern etwas, das größer ist als ich. Was voraussetzt, dass ich mich mit diesem »Größeren« auseinandersetze. Einen Weg dazu beschreibe ich ja in diesem Buch. Das »Größere« als das, was in allem wohnt. Das »Größere«, das ich in mir entdecke, wenn ich meine einseitige Fixierung auf den Intellekt überwinde. Und wenn ich es entdecke, wächst eine Demut im modernen Sinne sowieso von allein. Dankbarkeit wächst übrigens gleich mit, Dankbarkeit für das Geschenk meiner einzigartigen Existenz. Demut und Dankbarkeit machen wiederum bescheiden. Womit wir beim nächsten Wert im Potpourri wären.

Doch zuvor noch eine kleine Anmerkung: Demut ist logischerweise auch nur ein Wort. Tausendfach interpretiert und mit vielen Bedeutungspartikeln versehen, die die Haltung der Demut diskreditieren. Eine Frage bringt es auf den Punkt: Kann ein demütiger Mensch ein Erfolgsmensch sein? Ein demütiger Mensch begreift sich ja als ein dienender Mensch. Er dient einer beruflichen Aufgabe, er dient einer Idee, dem Schutz der Natur, seiner Familie etc. Kann ein solcher Mensch erfolgreich sein? Erfolg bedeutet doch Konkurrenzkampf, sich durchsetzen, Menschen führen! Und nicht dienen …

Doch wunderbarerweise gibt es Menschen, die beweisen, dass beides möglich ist: Demütig zu sein und sehr gut zu führen. Angenehm an ihnen ist etwas, das ihnen zugleich die natürliche Autorität des Führens verleiht: Man spürt sofort, dass sie nicht für sich, für ihr Ego, sondern für die Sache handeln. Für die Idee, die größer ist als sie selbst. Was sie nicht daran hindert – im Gegenteil, was sie beflügelt –, sehr klar zu führen. Es gibt sehr viele von ihnen. Chefs, die demütig sind und erfolgreich. Ihre Mitarbeiter spüren diesen Unterschied sofort und werden darum gerne zu Mitstreitern. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, ob demütige Menschen nicht besser führen als Ego-Getriebene.

Und im Privaten? Da ist ein demütiger Mensch ein Duckmäuser, ein Leichtgewicht ohne Profil? So dachte man früher, als es noch Herren gab und Knechte. Ein Untertan, der sich nicht demütig gab, also unterwürfig dienend, der war seines Lebens nicht sicher. All das schwingt bis heute in dieser Vokabel mit. Doch wir brauchen Worte, um Werte zu kommunizieren. Also wäre es doch sehr schön, den Begriff Demut von allem zu befreien, was Selbstverleugnung, blinde Unterwerfung und Versklavung meint. Demut als moderner Wert in einer Gesellschaft, die nur überleben kann, wenn wir uns der Wucht, der Größe und der Heiligkeit des Lebens bewusst werden, das in uns wohnt. Diese Demut wird aus der Dankbarkeit geboren für alles, was ist.

Vielleicht mögen Sie also prüfen, ob Demut und Dankbarkeit besondere Inseln sein könnten in Ihrem persönlichen Wertemix. Ein Beispiel für einen demütigen Menschen? Da wähle ich gleich mal eine Heiligkeit: den Dalai Lama. Ich bin ihm dreimal begegnet. Das eine Mal begleitete ich ihn einen Tag lang auf seinem Besuch in München, weil ich am Abend eine Veranstaltung mit ihm in der Olympiahalle moderierte. Bereits am Flughafen gab es einen hoch formellen Empfang in Form einer Flotte von Blaulicht-Limousinen.

Und so, wie ich das Verhalten seiner Begleiter erlebte, hatte ich nicht unbedingt den Eindruck, dass sie Demut in ihrem Werteköfferchen führten. Seine Heiligkeit aber durchaus. Er bestand darauf, am Nachmittag eine ältere Dame zu besuchen, die seit Jahren für tibetische Waisen ein großartiges Hilfsprojekt aufbaute. Das Limousinengeschwader hielt also in einem ganz und gar nicht schicken Münchner Viertel. Im elften Stock des Sozialwohnungsbaus servierte die überglückliche Dame dem Dalai Lama Kekse und Tee, und er schien sich aufrichtig für sie und ihre recht betagten Helferinnen zu interessieren.

Was mich an diesem Besuch faszinierte, war tatsächlich die Demut, mit der sich der Dalai Lama bei seiner Unterstützerin bedankte – stellvertretend für alle, die helfen im besetzten Tibet.

Auch das halbstündige Interview, das ich im Anschluss daran für ein People-Magazin mit ihm führte, war von einer Haltung der Demut und Dankbarkeit geprägt. Der Dalai Lama begreift sich als Diener einer Sache, die größer ist als er selbst, und er dient mit Leidenschaft, er dient mit Humor und zugleich mit einer Ernsthaftigkeit, die sein notorisches Kichern relativiert. Seine Heiligkeit markiert mit seinem glucksendes Lachen, was er für weltbewegend hält und was nicht. Und da gibt es viel, über das er kichert. Lachen also als »detach-Faktor«, als Instrument zur Distanzierung von allem, was unwichtig ist.

Das nächste Werteduo können wir ebenso wie Demut und Dankbarkeit als die zwei Seiten einer Medaille betrachten. Nämlich: Bescheidenheit und Neidlosigkeit. Da schwimmen wir jetzt aber ganz arg gegen den Strom. Denn der wälzt sich bräsig im Fluss- bett von Anspruchsdenken und Neidkultur. Es scheint mir vor, als sei das ein sehr deutscher Fluss – der allerdings viele, viele internationale Seitenarme hat.

Werfen wir einen Blick auf die zahlreichen Studien zu Glück und Wohlstand, einem weltweiten Länder-Glücksranking und dem Zufriedenheitslevel in Deutschland. Sie divergieren zwar in jeder Menge Einzelaspekten, aber in einem stimmen sie alle überein: Wir reichen Deutschen, die in einem der sichersten Länder der Welt leben (soziale Sicherheit, medizinische Versorgung, Schutz vor Kriminalität etc.) sind weniger glücklich als die Bewohner viel ärmerer, unsichererer Länder. In sämtlichen Untersuchungen rangieren wir maximal im oberen Mittelfeld. Und eins fällt in diesem Zusammenhang besonders auf: das Ausmaß unsers Anspruchsdenkens und unserer Neidkultur. Diese Kombination soll uns erst mal einer nachmachen … Mag aber keiner. Weil beides unglücklich macht.

Eine gewagte Behauptung, das ist mir klar.

Denken wir einfach anders herum: Was braucht es denn, um Neidlosigkeit und Bescheidenheit zu säen? Vielleicht die Anerkennung dessen, was gut ist um uns herum? Und die Anerkennung dessen, was gut ist in uns selbst? Unglück und Mangel sind Geschwister. Es ist interessant zu differenzieren, wie weit materieller Mangel als Ursache für Unglück wahrgenommen wird und wie weit der Einzelne auf einen Mangel im Innen schauen mag.

Öffentlich diskutieren wir ausschließlich über materiellen Mangel. Genauer gesagt, wir diskutieren über das, was wir in Deutschland als materiellen Mangel definieren. Da mische ich mich jetzt nicht ein und lasse Antoine de Saint-Exupéry zu Wort kommen:

»Denn es geht nicht darum, den Gütern, die dem Menschen zustehen, Grenzen zu ziehen, sondern es geht um die Rettung der Kraftfelder, die seinen Wert bestimmen, und der Gesichter, die allein zu seinem Geist und seinem Herzen sprechen.« 

Abgesehen davon, dass wir natürlich ordentlich darüber streiten können, welche »Güter« denn dem Menschen »zustehen«, zieht uns Saint-Exupéry auf eine andere Ebene. Es geht ihm um die »Rettung der Kraftfelder«, die den Wert des Menschen bestimmen. Und um die »Rettung der Gesichter, die allein zu seinem Geist und seinem Herzen sprechen«. Er lockt uns also radikal vom Glücksverspechen des Besitztums weg. Kraftfelder, Gesichter, die zum Geist und Herzen sprechen … Sind das Parameter des Glücks?

Auf jeden Fall haben Neid und Anspruchsdenken keinen Platz in einem solchen Wertekosmos. Beide sind rein materiell fundiert und damit ausschließlich auf der »Außenseite« des Lebens anzusiedeln. Aus Neid folgt Anspruchsdenken, und das scheint mir sehr ansteckend zu sein. Es delegiert das persönliche Streben nach Sinn und Erfüllung an einen Dritten, und das ist dann sehr gerne Väterchen oder Mütterchen Staat. Gibt er mir, bin ich glücklich – gibt er mir nicht, bin ich sauer.

Neid und Anspruchsdenken definieren sich durch den kiebigen Vergleich mit anderen. Neidlosigkeit und Bescheidenheit wachsen auf einem anderen Beet. Sie entstehen aus dem wunderbaren Gefühl, genug zu haben – im materiellen wie im immateriellen Sinn. Doch wir sind allein aufs »Haben« dressiert, für ein »Genughaben« haben wir keine Antennen entwickelt. Wenn die Seele schreit, liegt es für viele nahe, sie mit Materiellem ruhig zu stellen; Essen gehen, irgendwas kaufen. …ein tragischer Irrtum unserer Konsumgesellschaft. Beschäftigen wir uns dagegen mit der »Rettung der Kraftfelder«, die den Wert des Menschen bestimmen, wie es Saint-Exupéry so wunderbar altertümlich formuliert, dann begeben wir uns auf eine völlig andere Ebene, auf die Ebene tiefer menschlicher Begegnung oder auch auf die Ebene der Vertiefung des Seins. Und wir erkennen, dass »Genughaben« ein großartiges Gefühl ist. Wenn wir uns innerlich reich fühlen, trocknet das rein materielle »Habenwollen« aus.

Die Schlussfolgerung daraus ist einfach: Wer verbunden ist mit dem unbesiegbaren Sommer in sich, der kennt weder Anspruchsdenken noch Neid. Vielleicht prüfen Sie die Zwillingswerte Bescheidenheit und Neidlosigkeit für Ihren persönlichen Wertemix. Neidlose, bescheidene Menschen tun wahnsinnig gut. Sie verschwenden keine Energie auf das Aufspüren von Ungleichgewichten, und sie haben es auch nicht nötig zu schauen, wer ›besser‹ und wer ›schlechter‹ dasteht. Neidlose Menschen verwenden ihre Energie, ihre Kraftfelder, für echte Begegnung. Neidlosen Menschen können wir seelisch viel näher kommen als anderen.

»Der Neid macht das Kleine groß und das Große klein.« 

Der große Schauspieler Curt Goetz hatte sicherlich so seine Erfahrungen mit dem Thema Neid gemacht. Dann, auf dem Scheitelpunkt seines Erfolges, kaufte er eine Hühnerfarm in Beverly Hills und lebte von dem Ertrag seiner Doppeldotter-Eier. Neidlosigkeit? Bescheidenheit? In Eiform!

… zwei Werte, die sehr wertvoll sein können in Ihrem persönlichen Werkzeugkasten als Instrumentarium fürs Toröffnen zum unbesiegbaren Sommer in Ihnen.

Da habe ich gleich noch ein weiteres wunderbares Werteduo anzubieten: Respekt und Würde. Diese beiden Werte zu leben ist ebenfalls eine geniale Herausforderung. Ein Großteil unserer Medienlandschaft würde vertrocknen, wollten wir diese Werte wirklich respektieren. Klatsch und Tratsch hätten sich ausgequatscht, und die Berichterstattung hätte einen deutlich unaufgeregteren Stil.

Man stelle sich vor, wir würden unser Gegenüber, egal wie durchgeknallt, merkwürdig oder unsympathisch es ist – wir würden es respektieren. Frei nach dem Jens-Corssen-Motto: »Jeder hat das Recht auf sein eigenes Angst- und Denk-System«.

Wir müssen ja nicht gleich nach den Maximen unseres Gegenübers leben, aber leben lassen können wir ihn schon. Ohne Kommentar. Ohne Bewertung, die uns groß und ihn klein macht. Einfach lassen. Wahre Werte halten sich vom Ego fern. Fast alle ›guten, wahren, schönen‹ Werte (um hier Goethe zu bemühen) fühlen sich bei dicken Egos überhaupt nicht wohl.

Wie gesagt: allgemeingültige Werte sind dabei auszusterben; heute sammelt jeder seine Werte selbst. Und die Werte, die uns wirklich tragen, die entwickeln wir aus dem Bewusstsein für den unbesiegbaren Sommer in uns.

Respekt und Würde. Eine enorm wichtige Lektion habe ich während der zehn Jahre mit Leute heute gelernt. Die Berichterstattung über »Leute« gehört nicht zum klassischen journalistischen Nachrichtengeschäft. Da wir es hier nicht mit harten Fakten, sondern mit »soft news« zu tun haben, also mit mehr oder weniger bedeutungsvollen Nachrichten aus dem Privatleben prominenter Menschen, sollen die News durchaus auch unterhaltsam sein, Dünger für die Quote. Ob sie dann auch faktisch richtig, ordentlich recherchiert und fair formuliert sind, interessiert oft nicht so sehr.

Das war die Chance von Leute heute. Wir, das Redaktionsteam, gehörten formell zu der Nachrichtenabteilung des ZDF,  also zu heute, heute journal und heute Nacht. Auf den Gebrauch des klassischen journalistischen Handwerkszeugs mussten wir uns also verstehen. Und so sagten wir uns, als wir 1997 an den Start gingen: Es müsse doch möglich sein, spannend über »people« zu berichten und dabei trotzdem fair zu bleiben. Keine Storys unterhalb der Gürtellinie, keine Gerüchte. Eine durchaus unterhaltsam aufgemachte Sendung, die aber immer respektvoll bleibt. Mein Lieblings-Credo in den Konferenzen hatte ich dem deutschen Grundgesetz entwendet, Artikel 1, Absatz 1: »Die Würde des Menschen ist unantastbar«.

Wie naiv ist das denn? Fragte sich manch kritischer Beobachter. Kann man mit einer solchen Haltung heute noch einen TV-Blumentopf gewinnen? Man kann. Nach einer mehr als schwierigen Anlaufphase haben wir es mit diesem Credo sogar zum Marktführer in diesem Segment geschafft. Und das mit besagter Selbstbeschränkung. Vieles, was Schlüsselloch-Emotionen schürte (Schmuddelstorys, Spott und Häme), fiel bei uns durch den Rost. Stattdessen zeigten wir unseren Zuschauern Prominente in allen möglichen und unmöglichen Lebenslagen – doch immer mit dem Einverständnis unserer Protagonisten … und mit Respekt. Niemals unter ihrer Würde. Die Zuschauer wiederum haben das nicht nur respektiert, sondern gewertschätzt.

Im Laufe meiner über 20 Fernsehjahre habe ich genügend hämische Kritiken und entwürdigende Kommentare über mich selbst gelesen. Ich kenne also das Gefühl der Ohnmacht. Zu wissen, dass Tausende, Hunderttausende für bare Münze nehmen, was da an Gemeinheit und Lügen über mich verbreitet wird, und ich selbst kann mich denen nicht erklären: Grauenhaft! Auch deshalb ist mir ein wertorientiertes Berufsethos so wichtig.

Mancher wird nun einwerfen: Wie, bitteschön, geht ihr mit Promis um, die die Presse ganz bewusst mit halbseidenen intimen Merkwürdigkeiten füttern, nur um präsent zu sein? Denen rollt ihr doch mit eurer »fairen« Berichterstattung den roten Medienteppich aus. Ihr lasst euch instrumentalisieren! Doch auch hier ist die Antwort unverändert: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wir haben auch über durchsichtige PR-Gags von Promis berichtet – süffisant vielleicht, aber nie verletzend. Wir fanden, das stehe uns nicht zu, das stehe niemandem zu.

Die Würde eines Menschen zu respektieren, auch wenn er sich alles andere als würdevoll verhält, ist eine wichtige Übung. Respektvoller Umgang schafft genau die Distanz, die es uns ermöglicht, den anderen in seinem Angst- und Denksystem zu belassen, ohne reagieren zu müssen.

Die Würde des anderen zu respektieren, sollten natürlich nicht nur die Medien vorleben. Respekt ist in Beziehungen jeder Art das A und O. Das gilt logischerweise besonders für Liebesbeziehungen. Je stärker ich mit der Kraft der Lebendigkeit in mir selbst verbunden bin, desto weniger spanne ich meinen Partner ein, mir doch bitteschön ein Leben und Fülle zu liefern. Und das Schöne: Wenn ich meinen Partner nicht für meine Zwecke instrumentalisieren will, brauche ich ihn auch nicht entsprechend zu verbiegen. Ich brauche keine Energie darauf zu verschwenden, den Partner zur Erfüllung meiner Sehnsüchte zu motivieren (oder gar zu zwingen). Stattdessen kann ich ihn so respektieren, wie er ist. Dann verhalte ich mich ›würdevoll‹.

Ich habe als meine persönliche Verhaltens-Orientierung in meinen Wertekanon aufgenommen, allem Lebendigen Respekt zu zollen: Mensch, Tier und Pflanze. Ich bemühe mich, in allen Lebenslagen respektvolles Verhalten zu üben, nicht auszurasten, wenn mir danach ist, sondern mir klarzumachen, dass ich mein Gegenüber damit eventuell sehr verletzen könnte. Ich versuche, niemanden mit meinem eigenem Ärger zu belästigen; Schuttabladen bei anderen verboten! Respekt zu zollen und die Würde des anderen nicht anzutasten, wirft uns auf uns selbst zurück.

Wenn wir uns nicht auf Kosten anderer wichtigmachen, wenn wir Verantwortung übernehmen für die eigene Gestimmtheit, dann verirren wir uns nicht in Beziehungsdramen und verhaken uns auch nicht in Spielen um Macht und Bedeutung. Dann haben wir den inneren Raum, um das wichtige Portal zu öffnen … Sie wissen schon.

Also hinein mit Respekt und Würde in Ihren persönlichen Wertekanon? Vielleicht mögen Sie ihn aufschreiben? Wenn Sie das tun, rate ich Ihnen, den Zettel nicht einfach wegzulegen, sondern immer wieder drauf zu schauen. Zum einen, um sich an Ihre Werte einfach immer wieder zu erinnern, zum anderen aber auch, um die Werteliste aufzustocken, neu zu mixen, und sie so lebendig zu halten.

Noch ein Werteduo gefällig? Ich hätte da zum Beispiel noch »Mitgefühl« und »Warmherzigkeit« anzubieten. Fragen Sie sich doch jetzt schon gleich beim Lesen: Wo sind die Inseln im Alltag, auf denen ich mir beides erlaube, Mitgefühl und Warmherzigkeit? In der hektischen Job- und Familienwelt, in der Großstadt, auf der Autobahn? Da eher nicht? Sind Warmherzigkeit und Mitgefühl für uns vielleicht »Luxuswerte«, die nur zum Zuge kommen, wenn wir ausreichend Zeit und Ruhe dafür haben? Was brauchen wir, um warmherzig und mitfühlend sein zu können? Wie muss die Situation aussehen?

Vielleicht sind Sie ja auch der Auffassung, dass Sie Wärme nur dann abgeben können, wenn Ihnen selbst warm genug ist, wenn Sie genug Wärme kriegen. Was überquillt, das ist dann für andere übrig. Klingt einleuchtend.

Mitgefühl und Warmherzigkeit sind vielleicht deshalb Luxuswerte in unserer Gesellschaft, weil wir so sehr auf das »Haben« und weniger auf das »Sein« programmiert sind. Dass das so ist, werden wir so schnell nicht ändern. Wer im Leben weiterkommen will, der lässt sich von »Haben« lenken. Und nur zwischendurch, in den Pausen, darf auch mal das »Sein« dirigieren.

Wenn ich davon überzeugt bin, nicht genug zu kriegen, um abgeben zu können, wird es eng für Mitgefühl und Warmherzigkeit. Dann spare ich alles auf für mich selbst.

Der unbesiegbare Sommer aber, den haben wir ja bereits ganz anders erfahren. Wir ahnen (und manche von uns leben bereits beständig in dem Bewusstsein), dass unsere innere Wärme nie versiegt und auch nicht von außen aufgefüllt werden muss. Sie ist einfach da und glüht. Kennen Sie Menschen, die genau das verströmen? Eine Wärme, zu der der Ausschalter fehlt? Menschen, die entspannte, herzliche Aufmerksamkeit für jeden zeigen? Sie signalisieren: Es ist genug Wärme da, die reicht für alle.

Lebe ich in dem Bewusstsein, dass eh immer genug da ist, ein unendlicher Quell an Wärme und Liebe und Sommer, dann gebe ich davon mit dem größten Vergnügen ab. Ich kann mir das nämlich genauso leisten wie die beiden wunderbaren Schmetterlinge, die gerade vor meinem Glashaus scheinbar völlig ineffizient ihre Energie verschwenden, indem sie gemeinsam in Pirouetten von Blüte zu Blüte tanzen. Energiereserven? Was ist denn das?

Wärme und Herzlichkeit werden immer reichen. Weil ja genug da ist.

Und dennoch gibt es immer wieder Situationen, in denen der Quell versiegt, in denen ich weder mitfühlend noch warmherzig bin. In Belastungssituationen, wenn ich tentakelmäßig funktionieren will: Alles erledigen, perfekt und bitte gleichzeitig. Deshalb ist mir dieses Werteduo so wichtig. Denn ich weiß ja intuitiv: Beide Werte wurzeln im unbesiegbaren Sommer in mir. Wenn ich mit ihm in Kontakt bin, dann kann ich es mir leisten, warmherzig zu sein, auch wenn vieles gleichzeitig an mir zerrt. »Warmherzig Wirbeln« – das ist möglich, und dass Warmherzigkeit gut tut, wissen wir sowieso. Nicht nur den anderen tut sie gut, besonders natürlich uns selbst. Dieses Werteduo steht ganz oben auf meiner »Best-of-values«-Liste.

Ich hätte natürlich noch sehr viel mehr Werte anzubieten (und Sie selbst sicherlich auch): Geduld zum Beispiel, Toleranz, Charme, Großzügigkeit. Da ist also noch einiges, was landen könnte in Ihrem Handwerkskasten. Doch vielleicht belassen wir es an dieser Stelle erst einmal dabei. Denn wie gesagt: Sich bewusst zu werden und das eigene Verhalten zu ändern erfordert üben, üben, üben, bis die Prägungen unserer Emotionen und Motivationen nachhaltig in eine andere Richtung gehen.

Wichtig ist dabei, die zweite Ebene offen zu halten, den Kontakt zum unbesiegbaren Sommer in uns. Bin ich verlinkt? Spüre ich die Kraft des Lebens, den tiefen Frieden meiner flüchtigen Existenz? Von dort aus ist es ein Katzensprung zu wertorientiertem Alltagsleben. Es geschieht einfach. Am schönsten ist es natürlich, wenn uns bewusst ist, was da passiert. Was ist es für eine Lust am Leben, welch ein Freiheitsgefühl, wenn ich mir meines selbst gewählten Wertekanons bewusst bin, danach lebe und feststelle, wie überraschend einfach das plötzlich geht!

Doch, Achtung!, ruft Oscar Wilde und erinnert uns daran, sehr aufmerksam zu entscheiden, wie viel Raum wir dem ›Haben‹ in unserem Leben gewähren wollen – und wie viel dem ›Sein‹:

»Die Leute kennen heute den Preis jedes Dinges, aber von nicht den Wert.«

Hier findest du mehr aus dem Buch  Der unbesiegare Sommer in uns  von Nina Ruge

 

 

 

 

Hier findest du einen spannenden,  kritischen Artikel von Dr. Rüdiger Dahlke zum Thema Werte unserer Gesellschaft

Wert unserer Gesellschaft: Quo vadis? Von Dr. Rüdiger Dahlke

 

Wir bedanken uns sehr herzlich bei dem Verlag Random House für den Buchauszug von Nina Ruge.

 

 

Gefällt mir 229 Personen gefällt das

Wie hilfreich fandest du den Artikel?1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Noch keine Bewertungen)

Diskussion

This error message is only visible to WordPress admins

Error: API requests are being delayed for this account. New posts will not be retrieved.

There may be an issue with the Instagram Access Token that you are using. Your server might also be unable to connect to Instagram at this time.

Trag dich in unseren Newsletter ein und hole dir dein Gratis-Geschenk für Compassioner-Leser:


Das große Coaching Paket von Veit Lindau.
Sichere dir diesen wertvollen Leitfaden für ein erfülltes, glückliches Leben.

 

Wir schenken dir:
o 4 Audiovorträge mit Veit Lindau
o 1 Geführte Meditation
o Den Lebenskompass

Trag dich dazu hier ein:

 



* Mit der Eintragung bestätige ich die Informationen zum Datenschutz insbesondere nach §13 DSGVO zur Kenntnis genommen zu haben.

 

 

 

fan