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Mein Leben mit der Panikstörung, Teil 2: Wie Angehörige helfen können

Als die Panikstörung plötzlich und wie aus dem Nichts in Gerrit Fredrichs Leben tritt, ist nicht nur er überfordert, sondern auch Angehörige, Freunde und Bekannte. Mit seinem ersten Gastbeitrag, einem sehr offenen und persönlichen Brief, richtete er sich an all die anderen Betroffen, die ebenfalls Bekanntschaft mit diesem unheilvollen Leiden machen mussten. (Hier kannst du seinen ersten Beitrag lesen, falls du ihn noch nicht kennst: Mein Leben mit der Panikstörung – Teil 1)

Mit diesem zweiten Teil möchte er sich nun an Angehörige, Freunde, Bekannte und Verwandte von Betroffenen wenden. Er selbst hat in seinem Umfeld sehen können, wie hilflos sich einige Menschen fühlten und wie ahnungslos manch nahestehende Person auch war. Doch vor allem hat er erleben dürfen, wie wichtig und heilsam es für ihn war, Unterstützung, Liebe und Nähe von all den wichtigen Menschen in seinem Leben zu erhalten – nachdem er sich ihnen geöffnet hatte. Dies sind seine Botschaft und seine Vorschläge für all die wundervollen Menschen da draußen, die für die Betroffenen da sein möchten. Die zu ihnen halten, ihnen beistehen, sie in den Arm nehmen, ein Ohr für sie haben und ihnen die helfende Hand reichen möchten – ganz gleich, welcher Couleur ihr psychisches Leiden sein mag.

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Lieber Freund meines Freundes,

ich danke dir, dass du dir die Zeit nimmst, diesen Artikel zu lesen. Ich danke dir, dass du meinem Freund beistehst, dass du ihm Kraft und Hoffnung schenkst. Während meiner Krankheit habe ich schon oft gezweifelt, war am Boden zerstört, weil ich das Gefühl hatte nicht vorwärts zu kommen. Ich hatte Angst, dass ich für immer krank bleiben werde. Ich bin noch nicht frei von Panikattacken. Aber ich weiß jetzt, dass ich in diesen schwierigen Phasen nicht allein bin, und das tut gut. Der Weg zu dieser gemeinsamen Arbeit an meiner Krankheit war allerdings kein leichter. Deshalb teile ich heute meine Erfahrung mit dir. Ich zeige dir, wie bestimmte Reaktionen auf mich gewirkt haben und gebe dir ein paar Tipps mit auf den Weg.

Eine Panikstörung kann Angehörige anfangs überfordern

Mein erster Tipp bzw. meine erste Bitte an dich ist: informiere dich. Als ich meine Diagnose Panikstörung bekam, waren alle davon überfordert – mich eingeschlossen. Was bedeutet das? Kann man das heilen? Wie wirkt sich das aus? Was müssen wir jetzt machen? Familie und Freunde fragten sich, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollten. Das alles sind absolut verständliche Fragen in einer so neuen Situation. Das Problem war: Viele haben verlangt, dass ich ihnen diese Fragen beantworte. Aber nur weil ich eine Panikstörung habe, heißt das nicht, dass ich ein Experte darin bin.

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Zu Beginn herrscht Ratlosigkeit und auf viele Fragen wissen die Betroffenen selbst keine Antworten

 

Am Anfang konnte ich das Haus nicht verlassen. Wir wollten einkaufen gehen und ich musste sagen, dass ich nicht mit kann. Auf die Frage nach dem Warum hatte ich keine Antwort. Ich konnte es nicht begründen und das war ein großes Problem. Ich wusste genau, ich muss mich mehr mit dem Thema beschäftigen und mir reicht die Therapie nicht aus, um an Wissen über die Krankheit zu gelangen. Also kaufte ich mir mein erstes Buch mit dem Titel „Wenn plötzlich die Angst kommt“ von Roger Baker.

Das war eine große Hilfe und es war der erste Weg, mir und meinen Angehörigen begreiflich zu machen, was diese Krankheit ausmacht und wie man vorgehen kann. Es tat mir persönlich gut, mit ihnen darüber zu reden, als wir es gemeinsam gelesen haben. Endlich konnte ich ihnen auch anhand von einer Lektüre und Beispielen aufzeigen, wie es in mir vorgeht und wie ich mich fühle. Was ich damit noch einmal speziell aufzeigen möchte: Die Heilung liegt in der Gemeinschaft! Ich bin dankbar für meine Gemeinschaft und ich wünsche jedem Freund, dass er auch dieses Glück erfahren darf.

Was möchtest du wirklich sagen?

Als ich die Empfehlung des Buches mit meinen Angehörigen teilte, gab es sehr unterschiedliche Reaktionen. Es gab die einen, die sich intensiv damit befassten und daraufhin gute Gespräche mit mir hatten. Und es gab die Gruppe, die sich nicht darauf einlassen konnte. Auch das ist ok. Es ist jedem selbst überlassen, wie er damit umgehen möchte. Das Problem für mich war dabei nur, dass ich von ebendiesen oft Sätze zu hören bekam wie „Hab dich nicht so“ und „Mach doch einfach“. Man, hat mich das am Anfang geärgert und verletzt. Damit konnte ich überhaupt nicht umgehen. Ich hatte diese Informationen und die begonnene Therapie. Ich hatte einen klaren Plan, war damit glücklich – und plötzlich musste ich so ein Contra und so eine Ungeduld erfahren. Wie kann das denn sein?

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Hilfe und Zuwendung können so kostbar sein – doch brauchen sie die richtigen Worte als Begleitung

 

Heute weiß ich, dass es eine Mischung aus Mangel an Informationen gepaart mit Hoffnungen und Wünschen war. „Mach das doch einfach“ und „Hab dich nicht so“ bedeuten doch im Grunde so viel wie „Ich wünsche mir, dass du wieder so bist, wie früher“ und „Ich hoffe, dass du einfach wieder der Alte sein kannst“. Und darüber kann ich nicht wütend sein, denn hier kommt der zweite Hinweis: Hoffnung ist wichtig.

Schenke Hoffnung, aber ohne Druck

Habe Hoffnung und lebe sie auch. Beachte dabei aber bitte, dass dadurch kein unnötiger Druck aufgebaut wird. Es sollte sich dabei eher um eine symbolisch ausgestreckte Hand handeln und nicht um einen Schubser in den Rücken. Es ist ein Unterschied, ob man sagt „Mach das doch einfach!“ oder „Ich freue mich schon darauf, wenn du soweit bist. Und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, bin ich da.“ Diese gewünschte Hilfe ist mehr Begleiten und weniger Steuern. Oder wie es ein Zitat aus „Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott“ sehr passend trifft:

„Liebe ist nicht die Begrenzung; Liebe ist das Fliegen.“

Es passiert uns allen, dass wir überfordert sind und trotzdem die Kontrolle behalten wollen. Ohne Kontrolle fühlen wir uns hilflos. Deshalb ist es auch ein gemeinschaftlicher Prozess, das Maß der gelebten Hoffnung zu definieren. Das wahre Miteinander kennt keine Hierarchie, keinen Druck und keinen Zwang.

Es braucht wahrscheinlich mehr Zeit, als du dir wünschst

Der letzte Punkt, über den ich mit dir reden möchte, ist die Erwartungshaltung. Von Menschen, die mir helfen wollten, habe ich oft Sätze gehört wie „Wir erwarten einen ersten Schritt von dir und dann sind wir da“. Ich wusste jedoch nie, was genau dieser erste Schritt sein soll. Mein Bruder hat irgendwann zu mir gesagt, dass es mein erster Schritt war, meine Angehörigen zu informieren und um Hilfe zu bitten.

Erwartungen sind wichtig, aber ebenso gefährlich. Als betroffene Person kann man nichts für die Erwartungen der Angehörigen und trotzdem ist man der Schuldige, wenn man sie nicht erfüllt. Daher möchte ich dich, lieber Freund meines Freundes, um Geduld bitten. Es ist wichtig, auch kleine Schritte anzuerkennen. Manchmal ist dieser Schritt eine Bitte um Hilfe. Oder ein Spaziergang im Park – oder eben ein Gespräch über Gefühle.

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Erwarte nicht, sondern nimm an, was geschieht. Schon ein gemeinsamer, für dich ganz normaler Spaziergang kann der erste heilsame Schritt sein.

 

Vielleicht wartest du ganz ungeduldig auf diesen Schritt und schaust mit Adleraugen auf jede kleine Regung, um ihn nicht zu verpassen. Dann möchte ich dich bitten: Vertraue auf dein Gefühl und die Zeit und erinnere dich an die Weisheit des kleinen Prinzen:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Denke auch an dich selbst

Lieber Freund meines Freundes, ich kann gut verstehen, dass es auch für dich sehr schwer ist. Es verlangt dir viel ab und du brauchst viel Kraft und Geduld. Ich möchte dich bitten, dass du dabei nicht dich selbst und deine Gefühle vergisst. Mit meiner Krankheit habe ich meine Angehörigen eingeschüchtert. Sie konnten lange nicht offen mit mir über ihre Gefühle reden. Aber auch das ist wichtig für eine intakte Gemeinschaft. Oder, um es mit den Worten von Julia Engelmann zu sagen: „Denn es geht um den Inhalt viel mehr als um die Form, es geht um den Einzelfall viel mehr als um die Norm, es geht nicht um Physik, sondern um Fantasie, vor allem geht’s ums Was – viel mehr als um das Wie.“

Alles Liebe

dein Gerrit

 

Über Gerrit:

Mein Name ist Gerrit und ich bin in einer christlichen Familie aufgewachsen. Es war schon immer mein berufliches Ziel, anderen Menschen zu helfen. So kam es, dass ich „Soziale Arbeit“ studierte. Seit 2018 habe ich eine Panikstörung. Aufgrund dieser Krankheit suchte ich mir einen neuen Weg, meinem Traum, meiner Berufung nachzugehen. Im Juli 2019 beendete ich mein Fernstudium „Kreatives Schreiben“ und veröffentliche jetzt meine ersten Artikel. Mehr über meine Geschichte, meine Beweggründe und was ich mit meinen Artikeln erreichen möchte, wirst du in meinen kommenden Beiträgen erfahren. Ich freue mich sehr darauf, diesen Weg mit dir gemeinsam zu gehen.

Falls du mich kontaktieren möchtest, dann schreibe gerne eine Mail an die Compassioner-Redaktion: redaktion(at)compassioner.com. Alle Anfragen werden von dort an mich weitergeleitet.

 

Wenn du dich in Gerrits Erzählungen wiederfindest oder jemanden kennst, der sich stark zurückgezogen und Ängste entwickelt hat, kann es wichtig sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Soforthilfe bekommst du bei der TelefonSeelsorge: Rufnummern 0800-1110111 und 0800-1110222.

 

Wer darüber hinaus ein geeigneter Ansprechpartner für dich sein kann, erfährst du über deinen Hausarzt und in diesem Artikel:

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