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Schulen

Sind bessere Schulen Utopie oder können sie real werden?

Ich habe schon seit vielen Jahren einen Traum:
Ich träume von einer Schule,

  • in der sich ALLE wohl fühlen: Kinder/Jugendliche, Eltern und LehrerInnen
  • in der man ein herzliches Miteinander, Lebensfreude und gegenseitiges Verständnis spürt
  • wo sich ALLE Beteiligten darauf freuen, ihren Tag verbringen zu dürfen
  • in der ALLE am Anfang der Ferien traurig sind, dass nun Ferien sind.

Solche Schulen gibt es bereits jetzt. Meine Tochter hatte dieses Erleben in ihren ersten vier Schuljahren (in einer öffentlichen Schule). Sie sprang in der Früh auf und freute sich auf ihren Tag in der Schule, auf das, was sie dort erleben und lernen durfte, und vor allem auf ihre Lehrerin.

Der Drang nach Schule

Vor den Ferien begann sie regelmäßig zu weinen bzw. traurig zu werden, weil sie nun „ihre Birgit“ nicht mehr sehen würde. Wenn ich ihr dann später erzählte, wie viel sie in diesen ersten vier Schuljahren ihres Lebens gelernt hat, dann sah sie mich überrascht an und meinte: „Da habe ich doch nicht gelernt!“ Meine Antwort: „Naja, lesen, schreiben, rechnen, …!“ „Aber das habe ich doch nicht gelernt. Das ging doch nebenbei.“

Ja, wir wissen mittlerweile seit vielen Jahren aus der Gehirnforschung, dass Lernen in entspannter Umgebung, mit Freude, Sinngebung und vor allem in guter Beziehung zu anderen „leicht“ geht. Wenn Kinder in entspannter Atmosphäre einen Sinn darin finden, etwas zu lernen, dann gelingt es ihnen fast immer, sich selbst zu motivieren und ihre Aufgaben zu erledigen.

Und für die entspannte Atmosphäre sorgt dort der jeweilige Pädagoge. Es ist dessen Aufgabe dafür zu sorgen, dass sich Kinder gesehen, gemocht und ernst genommen fühlen. Lehrerinnen, die ihre Schüler wertschätzen, ihnen auf Augenhöhe begegnen, die daran interessiert sind, jeden Einzelnen bestmöglich zu fördern, die jedes Kind als Individuum sehen, das seine eigenen Begabungen hat, sind diejenigen, die uns positiv in Erinnerung bleiben bzw. geblieben sind.

Lehrer sind so wichtig

Ich bin davon überzeugt, dass die meisten unter uns Erwachsenen die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen in Fächern, in denen die Beziehung zur Lehrerin oder zum Lehrer eine gute war, das Lernen wesentlich leichter gefallen ist. Dieses Faktum bestätigt auch die sogenannte „Hattie-Studie“ .

Doch die Vermittlung von Wissen ist für mich als (mittlerweile ehemalige) Lehrerin nur ein Aspekt meines Berufs gewesen und sollte meiner Meinung nach eigentlich auch nur mehr EIN Aspekt von Schule sein. Doch die Entwicklung der Schule in Richtung messbarer Output-Orientierung (PISA, Zentralmatura, …) verstärkt den Druck auf alle im Schulwesen involvierten Personen: Lehrer stehen unter Druck, dass ihre Schüler gute Ergebnisse bringen sollten; Eltern haben Angst, dass aus ihren Kindern „einmal nichts wird“; und die Schülerinnen und Schüler sind diejenigen, die das aushalten und ausbaden müssen.

Es geht (nicht nur) im Schulsystem selten um das Hier und Jetzt. Fast immer richten Eltern und Lehrer ihr Augenmerk auf Zukünftiges: auf die nächste Schularbeit, das nächste Referat, das nächste Zeugnis, den nächsten Schulwechsel, die Matura in einigen Jahren. Dabei wird sehr oft übersehen, dass uns unsere Kinder und Schüler aber vielleicht gerade jetzt brauchen, dass sie genau jetzt leiden, dass sie genau jetzt ihre Leistungen nicht „erbringen“ können, weil es ihnen nicht gut geht, weil sie vielleicht in der falschen Schule sind, weil sie von Trennung/Scheidung, Liebeskummer, Krankheit, Trauer/Tod, betroffen sind.

Kein Kind ist absichtlich “schlecht”

Es gibt unzählige Gründe, die dafür verantwortlich sein können, dass Schülerinnen in der Schule „versagen“. Aber eines sollte ALLEN Verantwortlichen bewusst sein: (fast) KEIN Kind schreibt mit Absicht schlechte Noten oder bringt schlechte Leistungen. Sehr oft ist es ein Zeichen von Überforderung (auf welcher Ebene auch immer).

Kinder und Jugendliche äußern Überforderung selten direkt. Manche bekommen körperliche Symptome, andere ziehen sich zurück, wieder andere werden aggressiv, nervös, bringen plötzlich schlechte Noten, … . All diese Symptome sollten hinterfragt werden. Dafür braucht es aufmerksame Erwachsene: einerseits braucht es Lehrerinnen und Lehrer, die das bemerken und das Verhalten hinterfragen, ohne ein Kind vielleicht einfach als „schlimm“, „ruhig“, „faul“ oder „dumm“ abzustempeln und das auch noch in der (Verhaltens)note zu dokumentieren.

Andererseits braucht es Eltern mit viel Einfühlungsvermögen, die mutig genug sind, sich einzugestehen, dass es vielleicht gerade zu viel wird. Dabei braucht es auch den Mut und die Bereitschaft, den Kindern genau zuzuhören und sie in ihren Aussagen ernst zu nehmen. Ein Beispiel, das mich vor einiger Zeit sehr betroffen gemacht hat, war die Aussage eines 14-Jährigen, der in meinem Beisein zu seiner Mutter gesagt hat: „Ist dir eigentlich klar, dass ich auch ein Mensch bin, und nicht eine Maschine, die ständig lernen und leisten muss, und die du irgendwohin in Nachhilfe schickst?“ Er hat sehr klar sein Gefühl ausgedrückt, das Gerald Hüther als zum „Objekt machen“ beschreibt.

Die Objektivierung von Kindern

Wenn Menschen zum Objekt gemacht werden, kommt es im Gehirn zu denselben Reaktionen, als würden sie tatsächlich körperlichen Schmerz fühlen. Und der Schmerz des jungen Mannes war für mich stark spürbar. Doch seine Mutter konnte das nicht hören und spüren. Ihre Reaktion war geprägt von ihrer Angst, dass ihr Sohn seine schulischen Leistungen womöglich nicht erbringen wird und „nichts aus ihm wird“. Dabei ist diese Mutter eine Frau, die sich viele Gedanken macht, die „das Beste“ für ihr Kind will, die viel für ihre Kinder tut.

„Kinder sehnen sich nach Halt gebenden, liebevollen Beziehungen. Sie brauchen viel Lob, manchmal schon für ihre Bemühungen, nicht nur für den erwarteten Erfolg. Humor und Zuversicht, Sicherheit und Geborgenheit helfen in solchen Situationen weit mehr als das Prophezeien negativer Zukunftsperspektiven.“, schreibt die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. Ulrike Altendorfer-Kling in den Salzburger Nachrichten vom 20. Juli 2017. Kinder leben viel mehr im Hier und Jetzt.

Neue Wege kreieren

Und daher brauchen sie JETZT unsere Unterstützung, unser Vertrauen und unsere Bereitschaft anzuerkennen, dass sie am Lernen und sich Entwickeln sind. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen zuhören, die sie ernst nehmen, die an sie glauben, die sie ihre eigenen Fehler machen lassen. Damit würde sich Schule – meinem Gefühl nach – nicht immer mehr zu einem Ort entwickeln, der für viele Involvierte nur ein jahreslang zu ertragendes, notwendiges Übel darstellt, an dem „man“ nicht vorbeikommt, und wo sich alle Beteiligten freuen, wenn es endlich vorbei ist.

Es hat mich sehr betroffen gemacht, als ich am Ende dieses Schuljahres in einer Tageszeitung Maturaklassenfotos gesehen habe, wo der Tenor von einigen lautete: „Endlich raus aus dem Gefängnis“, „Raus aus der Hölle“, „Weg zum Paradies“, „Endlich frei“, … . Was sagt es über eine Gesellschaft aus, für die es normal zu sein scheint, dass Jugendliche ihre Schulzeit als Gefängnis oder Hölle erleben?

In meinem Traum ist Schule ein Ort, wo sich Kinder und Jugendliche wohl fühlen, wo sie in ihrem Tempo, ihren Stärken entsprechend wachsen dürfen; ein Ort, wo es Menschen gibt, die ihnen zuhören, die sie ernst nehmen, die sehen, wenn es ihnen nicht gut geht, die sich Zeit nehmen, nachzufragen, ob sie etwas tun können.

Es ist ein Ort, wo junge Menschen lernen, dass „Fehler“ zum Leben dazugehören, wo sie lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Es ist ein Ort, an den sie mit Wehmut und vielleicht auch Dankbarkeit zurückdenken, wenn sie erwachsen sind. Denn Schule prägt unsere Einstellung zum Lernen ein Leben lang.

 

Ich bin dankbar über eure Kommentare und Fragen.

Alles Liebe
Ines

inesberger.at 

 


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