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Sprache und Bewegung – so verstehst du deine Welt besser

Unsere Sprache entwicklen wir schon in den ersten Lebensmonaten. Zunächst bildet ein Baby nur Laute, später Wörter gekoppelt an eine bestimmte Sprechgeschwindigkeit, Betonung und bewussten Einsatz der Stimme. Das Umfeld des Kindes greift die ersten Sprachversuche auf und versucht ihnen eine Bedeutung zu geben. Ein Kleinkind erwirbt im Austausch mit seinen Mitmenschen die Regeln des Lautsystems, einen Wortschatz, die Grammatik und eine Textkompetenz – es lernt zu erzählen, zu beschreiben und seine Wörter mit Inhalt zu füllen.

Im ersten Lebensjahr versucht das Kleinkind über lallende und brabbelnde Laute seine „Sprechwerkzeuge“ einzusetzen. Lippen, Zunge, Gaumen und Kehlkopf kommen dabei zum Einsatz. Bereits in diesem Stadium passen wir uns unserer Umgebung an. Mund und Rachenmuskulatur werden auf bestimmte Weise trainiert und eine eigene Sprechweise wird ausgebildet. Schon ein Baby versucht durch unterschiedliches Schreien Hunger, Müdigkeit oder anderweitige Unzufriedenheit auszudrücken.

Wir eignen uns eine Sprache an und damit eine kommunikative Kompetenz. Das Kind lernt, seine Gefühle und Gedanken über Sprache auszudrücken. Interessanter Weise scheint das Erlernen von Sprechen und Laufen miteinander zu konkurrieren. In den meisten Fällen entwickelt sich das Laufen und das Sprechen der ersten Wörter zwischen 12 und 18 Lebensmonaten. Dabei kommt es nur sehr selten vor, dass ein Kind zeitgleich die ersten freien Schritte macht, während es die ersten erkennbaren Wörter auszusprechen beginnt.

sprache sprechen
In unserer Sprache manifestiert sich von Beginn an ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe.
Dialekte schaffen Individualität und Vertrauen. Wir fühlen uns wohl in gleichen Sprachregionen. Wir erkennen unseresgleichen sofort in einer großen fremden Gruppe und fühlen uns intuitiv verbunden. Sprache ist also nicht nur Verständigung.

Menschengruppen, Kulturen und Gesellschaften leben in einem eigenen System von speziellen nonverbalen Codes und Botschaften. Richtig interpretieren und nutzen können nur diejenigen diese Codes, die mit ihnen aufgewachsen sind. Dabei gibt es allgemeingültige, über viele Kulturkreise übereinstimmende Signale, jedoch auch vielfältige Besonderheiten, die kultur- oder regionalspezifisch sind.

Unsere Art zu sprechen hat Einfluss auf unsere Bewegungen. Klang und Sprechweise steuern unseren gesamten Körper. Werden Konsonanten beispielsweise scharf betont, führt dieses auch zu abgehackten Bewegungsabläufen. Im Gegensatz hierzu wie z.B. bei einem sehr melodischen Dialekt, wie dem Wienerisch, lassen sich hier sehr flüssige, geschmeidige Bewegungen des Körpers beobachten. Ausgeprägte Dialekte wirken häufig sympathisch, Hochsprachen vermitteln dagegen meist einen kühlen, eher zu glatten Charakter.

Ein weiteres Beispiel, dass Sprache und Bewegung eng miteinander verknüpft sind, stellen die Kaubewegungen dar. Ein Amerikaner, dessen Sprache so klingt, als hätte er eine heiße Kartoffel im Mund, kaut gerne locker und auffällig. Ein Engländer zeichnet sich dagegen eher durch vornehmes Kauen aus, was sich ebenfalls in der eher „verklemmten“, schmalen Sprechweise des Englischen widerspiegelt. Diese Parallelen lassen sich weiter ziehen: Französisch ist eine sehr nasale, klingende Sprache mit einer häufigen Betonung der Endsilben. Passend dazu machen Franzosen meist breite, in die Höhe schwingende Bewegungen.

Eine gemeinsame Sprache schafft Gleichklang und damit eine Zugehörigkeit zu Sprachgemeinschaften. Wenn Sprachen unterschiedlich klingen, ist auch zwischenmenschlicher Einklang manchmal schwierig. Unsere Sprache erzeugt ein Körpergefühl. Nicht nur unser Klangkörper, sondern unser gesamte Körper kommt zum Schwingen. Wir folgen also körperlich dem Klang der Sprache. Daher verstehen wir uns bei gleicher Sprache nicht nur wörtlich besser, sondern häufig auch im übertragenen Sinn. Dieses Phänomen lässt sich besonders zwischen weißen und farbigen Menschen in Amerika beobachten. Farbige sprechen anders als gleichsprachige weiße Menschen. Sie fühlen sich unmittelbar mit ihresgleichen verbunden – begrüßen sich z.B. ganz unbekannter Weise untereinander, wenn sie in die Bahn einsteigen. Dies schafft einerseits Zusammengehörigkeit, andererseits schafft es gleichermaßen Barrieren. Martin Luther King sprach wie ein Weißer. Er hatte sich damit sprachlich an die weißen Menschen angenähert und erfuhr darüber Akzeptanz.

Unsere Kultur und Mentalität beeinflussen den Umgang mit unserer Sprache. Der Franzose ist im Allgemeinen eher pingelig und wenig amüsiert, wenn seine Sprache nicht gesprochen wird oder nicht korrekt wiedergegeben wird. Der Italiener dagegen reagiert ganz anders: Er freut sich über jeden Wortfetzen, den sein Gegenüber auf Italienisch hervorbringen kann und ist mächtig stolz über sein eigenes Können von fremdsprachlichen Wörtern. Diese Diskrepanz ist für Dolmetscher häufig eine große Herausforderung. Sie haben die Aufgabe, Wörter zu übersetzen und darüber hinaus auch die Stimmung wiederzugeben. Gefühle, die zwischen den Zeilen entstehen, sind schwer mit Worten zu vermitteln. Die Sprachmelodie, die beim Sprechen mitschwingt, kann nur in dem Moment des Sprechens erfolgen. Der Klang gehört untrennbar zu dem Gesagten dazu, um erfolgreich zu überzeugen.

Sprache ist sowohl Ausdruck eines fremden Geistes, als auch Brücke zu einem fremden Geist. Dabei sind wir auf Erzählungen angewiesen, auf die sprachliche Vergegenwärtigung einer Situation und ihrer Entstehungsgeschichte.

Unterhalten wir uns über das Telefon, bewerten wir das Gesprochene gänzlich anders, als wenn wir einander gegenüberstehen. Unser Körper kann das Gesagte unterstützen. Ein Lächeln oder eine aufrechte Sitz-/Standposition lässt sich förmlich durch den Hörer übermitteln. Unsere Sprache wird jedoch viel dynamischer wahrgenommen und verrät viel mehr von unserer Person, wenn wir einander sehen. Geschäftsleute bevorzugen zunehmend Gespräche über Skype, um die Kommunikation zu erleichtern.

Nun bin ich gespannt auf eure Kommentare – was habt ihr zu diesem Thema selbst schon erfahren und /oder neu beobachtet?

In diesem Sinn wünsche ich euch ein schönes, verstehendes Miteinander.

Gabriele Gärtner

www.institut-gaertner.de

 

 

 

(Titelbild: Fotolia.com / psdesign1)

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