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Meine Gefühle – deine Gefühle: Wie spüre ich den Unterschied als hochsensibler Mensch

Hochsensible Menschen nehmen viel mehr Gefühle als andere wahr. Sie kommen in einen Raum und spüren sofort, welche Atmosphäre dort herrscht, wer schlecht drauf ist, oder zwischen welchen Personen die Stimmung gerade angespannt ist.

Genauso geht es ihnen mit einzelnen Menschen. Da springt eine Emotion über, die kurz vorher noch nicht da war. Gefühle werden von manchen Menschen genauso leicht empfangen wie Gedanken.

gefuehleWas für uns völlig normal ist, kann zu Schwierigkeiten führen, nämlich dann, wenn man – in der Regel wohlmeinend – die Gefühle benennt, die man gerade wahrnimmt.

Nicht selten treten wir unserem Gegenüber damit zu nahe. Wenn er oder sie weniger bewusst mit den eigenen Empfindungen ist, kann es sein, dass er oder sie uns schlichtweg nicht versteht und sich fühlt, als würde ihm etwas angedichtet.

Er fühlt sich in seiner Schutzzone verletzt, versteht entweder gar nicht, was wir da wahrnehmen, hält es für falsch oder kann sich gar nicht vorstellen, wie jemand so einfach den Finger auf eine schmerzhafte Stelle legen kann, die er doch so sorgfältig zu verstecken sucht.

Als Folge dieser Grenzverletzung reagiert er oder sie vielleicht mit Ärger oder Vorwürfen. Diese Reaktion versteht der sensiblere Mensch dann wiederum nicht – hat er doch nur das „Offensichtliche“ wohlmeinend ausgesprochen. Wie kann sich denn ein Mensch so vor der Wahrheit verschließen?!

Uns darf dieser Unterschied sehr klar werden. Es ist so, als wären wir beim Thema Gefühlswahrnehmung mit unterschiedlich vielen PS ausgestattet. Wenn wir aber im gleichen Tempo mit unserem Gegenüber fahren möchten, dürfen wir das Gaspedal nicht voll durchtreten.

Da gilt es zu schauen, was der andere bereit ist, zu hören – und was nicht. Wenn du deine Sensibilität auf die Wahrnehmung der viel früheren Grenze des Anderen ausdehnst, wird es zu weniger Missverständnissen kommen.

Ist meine Wahrnehmung richtig?

Und dann stellt sich ja auch die Frage, ob unsere Wahrnehmung immer richtig ist. Ist das, was ich beim Anderen meine wahrzunehmen, wirklich bei ihm zu verorten, oder sind es doch meine eigenen Gefühle?

gefuehleOder kommt eine Emotion, die ich für meine eigene halte, in Wirklichkeit vom anderen, und ich würde gerade gar nicht so fühlen, wenn ich in anderer Gesellschaft wäre? Die Frage, wie man unterscheiden kann, welches die eigenen Emotionen sind und welche die eines Anderen wird oft gestellt.

Es gibt einen deutlichen Indikator dafür, dass Emotionen nicht deine eigenen sind – und zwar, wenn sie sich sehr abrupt verändern, sobald du mit einer oder mehreren Personen zusammentriffst.

Wenn du gerade noch richtig gut drauf warst, und deine Stimmung schlägt in dem Moment um, in dem du einen Kontakt aufnimmst, kann das ein Hinweis darauf sein, dass da etwas rüber geschwappt ist. Bewusst das Setting verlassen und spüren, ob sich etwas verändert, kann Aufschluss geben.

Den eigenen Anteil erkennen

Allerdings lassen sich emotionale Befindlichkeiten nicht immer klar zuordnen, weil beide Menschen betroffen sind. Wir gehen verstärkt mit den Emotionen in Resonanz, mit denen wir selber noch ein Thema haben. Eine emotionale Qualität, die in deinem psychischen System gar keine Rolle spielt, wirst du bei anderen Menschen auch nicht so leicht aufschnappen.

Ich habe mich immer für einen sehr friedlichen Menschen gehalten und bin das auch, wenn ich mit mir alleine oder mit friedlichen Menschen zusammen bin. Werde ich aber mit starker Wut konfrontiert, springt in mir eine eigene Wut an, von der ich lange gar nicht wusste, dass es sie gibt.

Insofern können wir unsere eigene Reaktion auch immer als Hinweis auf unsere versteckten (ungelebten) emotionalen Anteile sehen. Man kann jetzt versuchen, Menschen, die solche triggernden Qualitäten mitbringen, zu meiden – oder man setzt sich mit seinen eigenen tieferen Gefühlen auseinander. Letzteres wird spätestens in einer nahen Beziehung nötig, denn hier werden genau unsere schmerzhaftesten Punkte berührt.

Wie kann ich mehr bei mir bleiben?

Menschen, die sich besonders leicht von dem emotionalen Cocktail ihres Gegenübers erfassen lassen, sind mit ihrer Aufmerksamkeit zu wenig bei sich.

Wir HSP sind darauf trainiert, im zwischenmenschlichen Kontakt mit unserer Wahrnehmung sehr stark beim Anderen zu sein und uns selbst aus dem Blick zu verlieren. Es hilft, sich hier umzuschulen: Den eigenen Körper immer wieder wahrnehmen, spüren, wie du gerade sitzt oder stehst, dich auf deine Atmung konzentrieren… Das hilft dir, bei deinem Gegenüber nicht übermäßig stark anzudocken.

gefuehle-spuerenVielleicht hilft es dir auch, wenn du dich selbst immer wieder fragst, wie die Aufmerksamkeitsverteilung gerade ist:

Zu wieviel Prozent bist du mit deiner Wahrnehmung bei dir und zu wieviel Prozent beim Anderen? Es ist entspannend, wenn der höhere Anteil deiner Aufmerksamkeit bei dir liegt – z.B. 60 %. Und du kannst damit spielen.

Wenn du gerade in einem sehr vertraulichen Gespräch mit einer Freundin bist, die deine beratende Hilfe sucht, wirst du vielleicht weniger bei dir als bei ihr sein. Beim Gang in den Supermarkt allerdings kann es dich wirklich auszehren, wenn du dich voll auf die Person einschwingst, die gerade hinter dir in der Schlange steht.

Ideal ist es, wenn du diese Vorgänge steuern lernst. Ich gehe im Coaching z.B. sehr stark in Resonanz mit dem Klienten. Das hilft uns beiden, weil ich dadurch mitbekomme, was im Anderen vorgeht, welche Gefühle der Mensch festhält, die ihn in seiner freien Entfaltung hindern. In diesem Kontext ist es eine sehr hilfreiche Fähigkeit, besonders dann, wenn man die eigenen Befindlichkeiten außen vor lassen kann.

Wenn du deine Wahrnehmungsprozesse immer besser steuern lernst, kannst du diese Fähigkeit immer mehr kultivieren und segensreich nutzen. Für dich und andere.

Herzlichst

Barbara

Hochsensibel – hochbegabt – anders? Aber genau richtig!

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