Human Trust
Kategorien Anzeigen

Erfolg Body Arbeit Beziehungen Deine Welt Glück Seele Podcasts humantrust @Redaktion

Von Stichlingen & Einmachgläsern – Eine berührende Vater-Kind-Geschichte

Die erste Geschichte über eine scheidende Männerfreundschaft berührte das Herz vieler Menschen – nun folgt eine Vater-Kind-Geschichte unseres Gastautors Heyko Cordes.

Entstanden ist diese Reihe aus einem Impuls heraus in der Men & Mission-Gruppe im humantrust und wir freuen uns, dass Heyko erneut seine Feder für den Compassioner geschwungen hat.

Seine zweite Geschichte über das Stichlinge-Fangen in der friesischen Heimat scheint in einer besonderen Zeitlosigkeit zu schweben und man kann das Kind-Sein auf dem Dorfe quasi mit Händen greifen. Die gute Nachricht ist: Es geht manchmal eben auch ohne große Moral oder lebensverändernden Coaching-Impuls. Bisweilen ist es einfach wunderbar, das Herz ein Stück weit zu öffnen und in eine Geschichte einzutauchen.

Heyko selber sagt dazu: „Ich habe die Geschichte so erlebt und es ist eine schöne Erinnerung an die seltenen gemeinsamen Erlebnisse mit meinem Vater, der Seemann war und daher selten zu Hause weilte.“

+++ 

„Stichlinge mögen keine Einmachgläser

In den 60er Jahren lebte ich mit meinen Eltern in einem kleinen Dorf in Norddeutschland nicht weit vom Meer entfernt. Dort war die Luft frisch und klar und die Landschaft flach wie eine Briefmarke, mit grünen Feldern und Wiesen, auf denen schwarz-weiß gefleckte und hellbraune Kühe grasten.

Ich war elf Jahre alt, und ein paar Häuser weiter auf der anderen Straßenseite wohnte mein Freund Helmut.

Zwischen den Wiesen schlängelten sich Wassergräben. In Friesland wurden sie Tief genannt. Darin lebten Stichlinge. Kleine, silberfarbene Fische mit Stacheln auf dem Rücken. Wenn die Männchen auf Brautschau unterwegs waren, leuchteten ihr Bäuche leuchtend rot-orange.

Das Tief in der Nähe unseres Dorfes, war wohl vier Meter breit. Eine in die Jahre gekommene Holzbrücke mit dicken Stützpfeilern und einem festen Geländer führte darüber.

Das Fangen von Stichlingen war eine unserer Leidenschaften und wir Jungen aus dem Dorf verabredeten uns im Sommer gerne am Platz an der Brücke. In Badehose und barfuß fuhren wir auf unseren Fahrrädern über die Feldwege dorthin. An den Lenkstangen baumelten Eimer und Kescher und oft fiel einer von uns lachend und prustend in den Wassergraben hinein.

Als Köder für die Fische nahmen wir Regenwürmer. Die Würmer banden wir an einem Faden aus Mutters Nähkästchen fest, und schon war die Angel fertig.

Vater-Kind-Geschichte

Fotolia.com / Thomas Zsebok

Dann saßen wir stundenlang auf der Brücke, ließen die Beine baumeln und die Würmer baden und die heiße Augustsonne brannte auf unsere nackte Haut. Stichlinge fangen war leicht. Sobald ein Wurm im Wasser untertauchte, saugte das Fischchen sich daran fest und ließ nicht mehr los.

„Hab einen“, rief Helmut und zog den Faden an. Ein Fisch hing am Wurm und zappelte in der Luft. Ich holte ihn mit dem Kescher und schüttete den Stickelbaak, wie wir die Stichlinge auf Plattdeutsch auch nannten, in einen vollen Wassereimer. Wenn wir nach Hause mussten, bekamen sie ihre Freiheit zurück und konnten im Tief davon schwimmen.

Eines Tages nahmen wir ein paar von Ihnen in den Eimern mit nach Hause.

Meine Mutter kochte Obst ein, weshalb in unserem Keller eine Kiste mit leeren Einmachgläsern stand. Wir füllten die Gläser mit dem Wasser aus den Eimern und setzen die Fische hinein. Zwei bis drei in einem Glas. Zusammen vier Gläser, die wir auf einem Tisch unter dem Kellerfenster aufstellen. Die Stichlinge bekamen Futter. Dann war es Zeit, nach oben ins Haus zu gehen, denn es war schon Abend geworden.

„Tschüss. Bis morgen. Bin gespannt, was dann die Fische machen.“, sagte Helmut.

Beim Abendessen schwieg ich und behielt das Geheimnis für mich. Später im Bett dachte ich noch lange an die Fische und schlief dann ein.

In der Nacht wurde ich wach. Vater stand in meinem Zimmer.

„Schnell, steh auf, die Stichlinge sind in Not.“ flüsterte er.

Wie eine Rakete schoss ich hoch und lief die Treppe hinunter zu meinen Freunden. Denen ging es schlecht. Das sah ich sofort. Einige waren tot und trieben mit dem Bauch nach oben im Glas. Die anderen zappelten dicht unter der Wasseroberfläche und schnappten nach Luft.

Vater wollte abends noch etwas aus dem Keller holen und hatte das Unglück bemerkt.

„Hier können sie nicht bleiben. Wir müssen sie ins Tief zurückbringen“, sagte er mit seiner ruhigen Stimme.

Es gab keine Zeit zu verlieren.

Ein Glas nach dem anderen trug ich vorsichtig die Treppe zur Einfahrt hinauf. Vater hatte das Auto schon aus der Garage gefahren. Der Motor brummte leise und durch die geöffnete Beifahrertür konnte ich ins Wageninnere sehen. Vorne im Fußraum stand ein Karton. Dort hinein stellten wir die Gläser mit den Fischen.

Langsam, damit das Wasser nicht überschwappte, fuhren wir auf dem holprigen Weg zum Tief. Der Nachthimmel war wolkenlos. Die Sterne funkelten und der Mond schien, sonst war es stockfinster.

Auf der Brücke stoppte Vater den Wagen und schaltete den Motor ab. Wir stiegen aus und brachten die Fische zum Ufer hinunter. Das Mondlicht glänzte hell über dem Wasser, sodass ich die sanfte Strömung sehen konnte. Leicht kräuselten sich die Wellen und die warme Sommerluft roch nach frischem Gras und Heu. In der Ferne rief ein Käuzchen.

„Lass uns die Fische aussetzen, dann wird es ihnen wieder gut gehen“, sagte Vater.

Ich war glücklich, als sie im tiefen Wasser untertauchten und fortschwammen. Die Sticklebaaken hatten ihre Freiheit zurück. Als wir mit den leeren Gläsern zum Auto gingen, blieben wir oben auf der Brücke stehen.

„Das ist noch einmal gut gegangen. Stichlinge brauchen fließendes Gewässer.“ Vater sah mich freundlich an.

„Ja“, sagte ich. „Stichlinge mögen keine Einmachgläser.“

Auf der Rückfahrt schlief ich ein. „Helmut wird staunen, wenn ich ihm morgen davon erzählen werde“, dachte ich noch.“

 

 

 

(Titelbild: Fotolia.com / Pavlo Vakhrushev)

Gefällt mir 259 Personen gefällt das

Diskussion

Hole dir dein Gratis-Geschenk für Compassioner-Leser:


Das große Coaching Paket von Veit Lindau.
Sichere dir diesen wertvollen Leitfaden für ein erfülltes, glückliches Leben.

 

Wir schenken dir:
o 4 Audiovorträge mit Veit Lindau
o 1 Geführte Meditation
o Den Lebenskompass

Trag dich dazu hier ein:

 



 

 

fan

Pin It on Pinterest

Share This